Odenwaldschule-„Ihr glaubt mir ja eh nicht“ : Wie systematischer Missbrauch jahrelang möglich war

Durch die Aufdeckung zahlreicher Missbrauchsfälle ist die Odenwaldschule in Südhessen in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt – das hat eine neue Debatte zum diesem Thema angestoßen. Ein Kommentar.

Lena Skrotzki
Frank (Leon Seidel) wird immer wieder von Simon Pistorius (Ulrich Tukur) missbraucht - eine Szene des ARD-Films "Die Auserwählten".
Frank (Leon Seidel) wird immer wieder von Simon Pistorius (Ulrich Tukur) missbraucht - eine Szene des ARD-Films "Die...Foto: dpa

Vergangene Woche wurde der ARD-Film „Die Auserwählten“ ausgestrahlt, der in erster Linie zeigen soll, wie es den Opfern in der Zeit während und nach den sexuellen Übergriffen erging. Im Vorfeld hatten zwei ehemalige Schüler und Missbrauchsopfer der Odenwaldschule versucht die Ausstrahlung des Films zu verhindern, weil sie sich in ihren Persönlichkeitsrechten verletzt sahen. Sie leiteten juristische Schritte ein. Doch sie haben kein Recht bekommen, und so wurde der Film plangemäß ausgestrahlt.

Der Film sowie der anschließende ARD-Talk „Anne Will“ hinterließ mich sehr nachdenklich. Bereits zu Beginn des Spielfilms „Die Auserwählten“ wurde der Zuschauer darauf hingewiesen, dass die Geschehnisse auf einer wahren Begebenheit beruhen, aber genaue Figurenkonstellationen fiktiv sind.

Der Film wird aus der Sicht der jungen Lehrerin Petra erzählt, die neu an die Schule kommt und mit der Zeit immer mehr Hinweise dafür findet, was sich wirklich hinter den Fassaden der Elite-Schule abspielt. Schon zu Beginn fallen ihr die körperlich und emotional ungewöhnlich nahen Beziehungen zwischen Schülern und Lehrern des Internats auf. Sie duzen sich, feiern zusammen, duschen zusammen. Sobald sie ihr unbehagliches Gefühl offen bei Kollegen anspricht, begegnet man ihr mit Aussprüchen wie: „Mach dich doch mal locker“, „Du übertreibst“, oder „Das ist nur pädagogischer Eros“.

Sobald man die Schule verlässt, ist alles vorbei, dachte er und schwieg

Täter relativieren und leugnen, Opfer schweigen, fürchten und schämen sich. Der missbrauchte Junge Frank erklärt Petra, die ahnt, was ihm angetan wurde in einer Szene: „Ihr glaubt mir ja eh nicht“. Das ist nicht viel, aber es sagt viel. Zeugen und Wissende, sogar die eigenen Eltern der betroffenen Kinder, schauen weg und glauben nicht, wollen nicht glauben, was ihren Kindern und ihnen selbst angetan wird. Sie denken, das Leben sei leichter, wenn man verdrängt, wenn man schweigt und sich den Hierarchien beugt.

Gast bei „Anne Will“ mit dem Thema "Weggehört und weggeschaut - Warum war Missbrauch über Jahrzehnte möglich?“ war auch Adrian Koerfer, der selber als Schüler Opfer eines Missbrauchs an der Odenwaldschule wurde. Er berichtete, dass er bis 2010 nie verstanden habe, was an der Schule mit ihm und den anderen passiert sei. Er habe sich immer als Einzelfall gesehen, und gehofft, dass alles vorbei ist, sobald er die Schule verlässt. Also habe er lieber geschwiegen.


All diese Verhaltensmuster führen dann dazu, dass es möglich ist, zahlreiche und jahrelang durchgeführte Missbräuche zu vertuschen. Das kann man dem Film wirklich lobend nachsagen: Er hat mit viel Handlung und wenigen Worten vom Empfinden der Betroffenen erzählt. Wenn man hört: Zwischen den 1960ern und 1990er Jahren wurden mindestens 132 SchülerInnen sexuell missbraucht, dann sind das Zahlen. Wenn man aber den Film „Die Auserwählten“ schaut, dann sind das Menschen - die Geschichten hinter den Zahlen.


Kann Missbrauch verjähren?

Zivilcourage – auch ein großes Thema im Film. Aus Bequemlichkeit und Egoismus schweigen mitwissende LehrerInnen, weil es sie den Job kosten könnte, den pädophilen Lehrer zu entlarven. Dabei wäre es so wichtig gewesen, dass Außenstehende den Opfern zu Hilfe kommen. Denn die Täter sichern sich durch die Ängste ihrer Opfer ab, und können ihr perfides Spiel ungestört ausleben. Keiner der Täter der Odenwaldschule wurde je verurteilt, denn juristisch gesehen ist die Tat „verjährt.“ Was für eine Ironie. Die Betroffenen ringen sich durch, zu ihrer Vergangenheit und dem, was ihnen angetan wurde zu stehen, es vor Gericht zu bringen - trotz Scham und Schuldgefühlen. Doch es hilft ihnen nicht. Das Recht sagt, die Zeit zwischen Tat und Anklage sei zu lange. Das Recht auf Ahndung wird ihnen verwehrt, und sogleich die Möglichkeit, mit dem abzuschließen, was ihnen angetan wurde.

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