Ratgeber gefällig? : Wie man sich "richtig" ärgert

Die Anleitung zum Glücklichsein findet man in jedem Kiosk. Unsere Kolumnistin hat das Gefühl, dass uns Ratgeber Probleme zeigen, von denen wir gar nichts wussten.

Henriette Teske
Henriette strahlt vor Glück. Das muss an den Ratgebern liegen. Foto: privat
Henriette strahlt vor Glück. Das muss an den Ratgebern liegen.Foto: privat

In letzter Zeit frage ich mich immer häufiger, wie mein Leben bloß ohne Anleitungen und Ratgeber aussehen würde. Allem Anschein nach wäre ich einsam, depressiv, unausgeglichen, unsensibel, außerdem fürchterlich dick und schlecht gestylt, ich könnte nicht kochen und mich nicht benehmen. Kaum lebensfähig also. Zu meinem Glück gibt es eine große Auswahl an Abhilfe: Frauenzeitschriften mit Abnehm- und Beziehungstipps, Modemagazine und unzählige Ratgeberbücher. Sie wollen mir zum Beispiel den Weg dahin zeigen, wie ich in drei Tagen zur Bikinifigur komme, ohne Hunger zu haben oder wie ich ab sofort unglaublich einfühlsam mit meinen Mitmenschen umgehe, ohne mich selbst in Frage zu stellen. Kurz - wie ich ein glückliches, anstrengungsloses Leben führen kann.

Als ich aber letztens ein Psychologieheft in den Händen hielt, das mir erklären wollte, wie man sich richtig ärgert, hat es mir gereicht. Traut mir denn niemand auch nur die kleinste eigene Überlegung oder Entscheidung zu? Fühlen wir uns so haltlos im Meer der Selbstständigkeit, dass wir glücklich nach jedem Rettungsring greifen, auf dem „maßgeschneiderte Lösung für alle deine Probleme“ steht? Was ist bitte so schlimm an Fehlern oder einer falschen Entscheidung?

Langsam habe ich sogar den Eindruck, dass all diese Ratgeber uns viele Probleme erst zeigen, von denen wir gar nicht wussten, dass wir sie hatten. Oder wusstet ihr, dass man sich offensichtlich „falsch“ ärgern kann? Ich nicht.

Wut sei in unserer Gesellschaft ein tabuisiertes Thema, erklärt mir das Heft, jedoch ein wichtiger Motor für Veränderungen. Okay dann bin ich jetzt mal ganz offen: Ja, ich bin gerade wütend. Aber ich stehe dazu. Und ich habe meine negative Energie positiv genutzt und diesen Text geschrieben. Liebes Psychologieheft: Bist du jetzt stolz auf mich?

 

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