Smartphones und Erwachsene : Machst du mal ein Selfie von mir?

Wir wollen nur in Ruhe Thomas Mann lesen. Aber unsere Eltern kommen uns immer mit ihren Smartphones dazwischen. Es ist höchste Zeit für eine Entschuldigung. Auch wenn sie nur ganz kurz mal Twittern wollen.

Max Deibert

Ach, wie haben sich meine Freunde die Sprachwissenschaftler pikiert: Twittern zerstört die Kreativität, SMS bedeutet den Untergang der westlichen Zivilisation, der jugendliche Nachwuchs wird durch Smartphones zu einer Generation der geistig Zurückgebliebenen heranwachsen.

Meine Mutter hat mehr Freunde bei Facebook als ich

Die Zeit vergeht, das iPhone erscheint, SMS ist keine Neuheit mehr, und auf einmal schlägt mein Vater mich in „Angry Birds“. Und meine Mutter hat mehr Freunde und Likes bei Facebook als ich. Meine gleichaltrigen Freunde orientieren sich hingegen in die andere Richtung: Geld wird nicht mehr für teure Smartphones ausgegeben, Highscores in Handyspielen weniger ehrgeizig aneinander gemessen, das Buch ist wieder cool.

Während ich in der U2 gequetscht zwischen zwei Anzugträgern sitze, die wichtige Business-Nachrichten vom Blackberry verschicken, versuche ich „Der Zauberberg“ auf meinen Oberschenkeln zu balancieren und in Ruhe zu lesen. Die Frau mir gegenüber wird angerufen, ihr Klingelton: die Titelmelodie von „Desperate Housewives“.

Ich will endlich wieder in Ruhe zu Abend essen können

Wir Jugendlichen sind einer gnadenlosen Ungerechtigkeit ausgesetzt. Jahrelang wird uns geistiger Verfall durch Kurznachrichten und soziale Netzwerke vorgeworfen, aber nun, da die Erwachsenen die aktuelle Elektronik doch ganz knorke finden, ist alles in Butter, oder was? Ich verlange eine öffentliche Entschuldigung von allen Sprachforschern, deren Endzeitvorstellungen ich im Deutsch-Leistungskurs über mich ergehen lassen musste. Ich verlange eine Entschuldigung von allen Eltern, die ein enormes Drama veranstalteten, wenn ich in ihrer Nähe eine Nachricht verschickte oder auch nur daran dachte, auf mein Handy zu gucken. Ich will, dass sie mich genauso um Erlaubnis fragen müssen, wenn sie während des Abendbrots einen vermeintlich „wichtigen“ Anruf beantworten wollen!

Gefällt dir? Das ist ein Beitrag unserer Jugendredaktion "Schreiberling". Werdet unsere Freunde auf www.facebook.de/Schreiberlingberlin oder folgt uns aufwww.twitter.com/schreiberling_.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben