Studienstart : Nicht mehr ganz so neu

Kürzlich haben Maria, Lena und Charlott über ihre aufregende Ersti-Woche an der Uni berichtet. Wie es ihnen heute zur Semester-Halbzeit ergeht.

Maria Merk, Lena Skrotzki, Charlott Resske
Da ist er, der graue Studienalltag.
Da ist er, der graue Studienalltag.Foto: picture alliance / ZB

Wo sind meine Ideale? – Maria studiert Sozialwissenschaften

Die Anfangseuphorie ist verflogen und einer sich langsam steigernden Ernüchterung gewichen. Meine Semesterhalbzeit wird vor allem von der Erkenntnis begleitet, dass ein Studium mit einem hedonistischen Lebensstil nicht so ganz vereinbar ist, sondern weitaus mehr Disziplin und Zeit erfordert, als ich mir ursprünglich vorstellte.

Maria Merk
Maria MerkFoto: privat

Während ich anfänglich hochmotiviert und voller Tatendrang ins Unileben gestürzt bin, bekomme ich jetzt bei Wörtern wie Leistungspunkte und Abgabetermin leichte bis mittelschwere Panikattacken und sehe mich permanent mit einer Reihe von Gewissenskonflikten a lá „die eine Veranstaltung schwänzen und dafür die Hausaufgaben für zwei andere machen?“ konfrontiert. Dabei hatte ich mir doch felsenfest vorgenommen, meine Referate nicht mittels copy und paste aus Wikipedia anzufertigen, die Anwesenheitspflicht zu ehren, weniger zu prokrastinieren und immer alle Texte pünktlich zu lesen! Mittlerweile bin ich aber bloß noch darauf programmiert, mit möglichst wenig Aufwand möglichst viele Leistungspunkte rauszuschlagen. So siechen sie also dahin, meine schönen Ideale.

Ich hege eine tiefe Bewunderung für Kommilitonen, die alles das mit Bravour meistern und es dann noch schaffen, sich für zig Sachen politisch zu engagieren, jedes Wochenende durchzufeiern, arbeiten zu gehen, an allen Fachschaftssitzungen anwesend zu sein und dabei noch halbwegs gepflegt auszusehen. Schlafen die überhaupt? Oder sind das in Wahrheit Vertreter einer besonderen Spezies von sonnenlichtresistenten Vampiren, die so eine Nichtigkeit wie Schlaf gar nicht nötig haben?

Ich bin ein wenig enttäuscht von mir selbst, denn eigentlich würde ich viel lieber die Frage nach dem Warum stellen, als die nach der Klausurrelevanz. Doch meine eigene Faulheit und der Drang, alles zu rationalisieren und bloß "nicht mehr als zwingend erforderlich" zu machen, stehen im krassen Gegensatz zum Ideal des „Studierens um des Studierens willen“. Aber vielleicht erreiche ich irgendwann einmal ja doch diese geistige Reife. Oder lerne zumindest, gelassener zu werden. Maria Merk

 

Volle Aufmerksamkeit – Lena studiert Politik, Verwaltung und Organisation

Ersti-Woche, was war das nochmal? Der Beginn des ersten Semesters fühlt sich an wie aus längst vergangenen Zeiten und ich kann inzwischen nur noch milde über die Anfängerprobleme schmunzeln. Anschluss finden, einwählen in Seminare und Vorlesungen, rausfinden, wie die Uni-Bibliothek so tickt – diese Hürden sind genommen. Doch jetzt geht es ums Überleben - im wahrsten Sinne des Wortes: Wenn das Seminar zur Internationalen Politik überzogen wird, kann es passieren, dass man sich in der Mensa in eine etwa 50 Menschen lange Schlange einreihen muss. Danach muss das superfrische Mensa-Essen waghalsig durch die gierige Menschenmenge auf einem Tablett balanciert werden, um dann zu erkennen, dass alle Tische belegt sind.

Lena Skrotzki
Lena SkrotzkiFoto: privat

Dazu kommen die ermutigenden Worte der Dozenten, dass die ersten Klausuren ja quasi schon vor der Tür stehen, sobald der Weihnachtsbaum aus den Wohnzimmern geflogen ist. Ein Blick in den Kalender alarmiert mich: Wenn du an Heiligabend nicht mit klassischen Texten der Staatsphilosophie an der Weihnachtstafel sitzen willst, musst du jede Vorlesung besuchen, in jedem Seminar jede Sekunde nicht nur physisch, sondern auch geistig anwesend sein. Und ganz wichtig: Vorbereitung, Nachbereitung, Überarbeitung der Nachbereitung, Ergänzung der Überarbeitung der Nachbereitung und so weiter.

Während ich hungernd den ersten Prüfungen entgegenbange, genieße ich aber die Freiheiten im Uni-Alltag. Allein zu wissen: Man kann, aber man muss nicht, löst in mir eine Motivation aus, die in der Schule häufig durch Regeln, Vorgaben und äußeren Druck verdrängt wurden. Ich freue mich auf die Zeiten, in denen man Vertiefungsmodule wählen und eigene Schwerpunkte setzen kann. Es gibt aber auch diese Momente, in denen ich mich in die Schulzeit zurückversetzt fühle: Manche Dozenten sind mit den Lehrer-Typen fast identisch. Es gibt die methodisch Versierten, die die perfekten Präsentationen halten und sich selbst auch sehr gerne mögen. Dann die inhaltlich Fitten, die aber leider durch ihren Fach-Jargon und fehlende visuelle Reize die Hälfte der Studenten nach zehn Minuten an deren Tablets verlieren. Der Ehrlichkeit wegen muss ich zugeben, dass es vereinzelt auch die Mischtypen gibt: Methodisch versiert und inhaltlich stark.

Ansonsten kann die Uni aber kaum mit der Schule verglichen werden. Mal abgesehen davon, dass manche Dozenten mit einem mobilen Mikro durch den Mittelgang des Hörsaals wandern, um zu kontrollieren, wer am Handy spielt und ihnen die volle Aufmerksamkeit verwehrt. Lena Skrotzki

 

Irgendwo zwischen Superstreber und Supergammler – Charlott studiert Jura

Seit sieben Wochen studiere ich. Mitten im ersten Semester. Und manchmal schalte ich jetzt schon auf Flugmodus, damit der Akku noch bis zum Ende der Woche reicht. Ich schwänze Vorlesungen, gehe lieber nach Hause als in die Bib, lese lieber Hesse als das Strafgesetzbuch. Manchmal. Und dann gibt es die Tage, an denen ich fröhlich bis 16 Uhr in der Uni sitze und danach in der Bahn das Grundgesetz lese, weil die Tür zur juristischen Welt wieder einen kleinen Spalt offen steht. Manchmal. Ich bin verwirrt. „Wie gefällt dir das Studium?“, wird ständig an allen Ecken gefragt. Ich möchte nichts sagen, weil die Antwort jeden Tag anders ausfällt: Von himmelhoch jauchzend bis zum Tode betrübt.

Charlott Resske
Charlott ResskeFoto: privat

Das ist okay. Jede andere Reaktion wäre gelogen. Was sind schon sieben Wochen gegenüber neun Semester Regelstudienzeit. Nichts. Ich kann noch nichts wissen. Fast nichts. Trotz meines ständigen Wirrwarrs fühlen sich die sieben Wochen manchmal nämlich an wie sieben Monate. So vieles hat sich routiniert. Die WhatsApp-Gruppen, die ich in der Ersti-Woche sammelte, brauche ich nicht mehr. Ich habe inzwischen einen Freundeskreis, der offline funktioniert. Wir treffen uns zum Abendessen, gehen zusammen „mensen“, blockieren füreinander Sitzreihen im Vorlesungssaal.

Pünktlichkeit - mein wichtigster Vorsatz. Dachte ich. Mit jeder Woche sind es ein paar Minuten weniger geworden. Heute bin ich froh, wenn ich wenigstens das Ende des akademischen Viertels ankratze. Immer in der ersten Reihe sitzen - da passt man auf, da wird man schlau. Dachte ich. Proportional zu der Minuten-Entwicklung hat sich auch mein Sitzplatz geändert: immer weiter nach hinten. Bücher - die braucht man doch zu Hause. Dachte ich. In der ersten Woche bin ich (gefühlt mit hundert anderen Kommilitonen) panisch zu Dussmann gelaufen und habe die Jura-Abteilung leer gekauft. Die Bücher wurden brav auf meinem Schreibtisch aufgereiht. Da stehen sie heute immer noch und vermitteln mir zumindest ein gutes Gefühl: Du bist am Ball, du besitzt Bücher. Essen - jeden Abend würde ich mir mein Mittag zu Hause vorgekochen. Billiger, gesünder und zeitsparender (damit die Mittagspause nicht so hektisch ist). Dachte ich. Heute ist mein Kühlschrank immer leer. Nudeln mit Soße, der berühmte Beilagenteller, kostet schließlich nur 55 Cent in der Mensa.

Aber das alles ist okay. Denke ich. Ich probiere gerade alle Extreme aus und in einigen Monate weiß ich, wo ich stehe. Ich möchte Jura nicht total lieben oder total hassen. Irgendwo dazwischen wäre schön. Hoffentlich. Und wenn nicht, auch egal. Probieren geht über Studieren. Charlott Resske

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