Studieren in Berlin : Wo ist Paula?

Kaja Klapsa studiert in Berlin. Hier gibt es extrem viele Studenten – und flüchtige Bekanntschaften. Wie man die ersten Wochen in der Uni meistert.

Kaja Klapsa

In den ersten Tagen an der Uni lernte ich Paula kennen. Sie hatte grüne Haare und eine ausgefranste Lederjacke. Wir hangelten uns zusammen durch die Orientierungstage und verstanden uns auf Anhieb. Als dann die Vorlesungszeit begann, sah ich sie plötzlich nicht mehr. Ich überlegte, uns bei Facebook zu verabreden. Doch dafür, so schien es mir, kannten wir uns zu wenig. Die Monate vergingen, bis ich sie gegen Ende des Semesters zufällig im Flur traf. Erstaunt blieben wir stehen und schauten uns an. Ob ich nicht mehr hier studiere, fragte sie mich. Wir unterhielten uns und es stellte sich heraus, dass wir verschiedene Kurse gewählt hatten. Wir verabredeten uns auf ein Bier.

Neben den schnellen Bekanntschaften, die sich genauso schnell wieder verlaufen, musste ich mich zu Beginn meiner Studienzeit daran gewöhnen, dass es wenige interessiert, ob ich zur Uni komme oder nicht. Bei meinem Studiengang, Politikwissenschaft, gibt es nur wenige Dozenten, die meinen Namen kennen. Einerseits fühle ich eine mir bisher unbekannte Freiheit. Ich gehe einfach nicht hin, wenn ich keine Lust habe. Andererseits bewege ich mich in einer unheimlichen Anonymität. Ich bin eine von vielen. Manchmal auch nur eine Matrikelnummer, wenn ich zum Beispiel eine Klausur am Uni-Computer schreibe und beim Start nicht mal mehr nach meinem Namen gefragt werde.

Während eines Spanischkurses erzählte mir Philipp, der schon im 4. Semester studierte, man müsse als Erstsemester unbedingt irgendwo mitmachen, um Leute kennenzulernen – Flüchtlings-AG, Uni-Zeitung, Studierendenausschuss. Ich meldete ich mich zu Projekttagen über den Islamischen Staat an. Die Arbeit dort fand dicht aufeinander folgend in einer kleineren Gruppe statt. Es wurden viele Gäste eingeladen, darunter ein junger Berliner Imam. Wir diskutierten über das, was aktuell und wichtig ist. Ich liebte diese Art zu lernen und fühlte mich nicht mehr verloren.

Je weniger ihr erwartet, desto mehr werdet ihr es genießen

Ich war sehr froh über die Projekttage, denn in den ersten Wochen an der Uni verstand ich auch, dass man sich als Erstsemester nicht der Illusion hingeben darf, man werde nun endlich eine ausgezeichnete Bildung genießen. Gerade zu Anfang erlebte ich vor allem trockene Einführungskurse  und theoretische Methodenseminare. Manchmal verließ ich mittendrin eine Vorlesung, weil sie derartig langweilig war. Die alte Frage aus Schulzeiten „Wozu werde ich das jemals brauchen?“ wurde noch mal richtig aktuell. Ältere Studierende sagten: „Wenn du erstmal im 5. Semester bist, dann geht’s richtig los mit all dem, was wirklich spannend ist!“ Ich schraubte meine Erwartungen an die nächsten Monate immer weiter herunter.

Es wird wohl für die meisten etwas desillusionierend sein, wenn sie endlich an der Uni sind. Vieles läuft ganz anders, als man es sich vorgestellt hat. Wichtig ist, nicht zu denken man sei der Einzige, dem es so ergeht. Erstsemester-Studenten haben oft die Angewohnheit, der ganzen Welt strahlend zu erzählen, was für ein tolles Studium sie haben. Meistens steckt dahinter nur eine große Unsicherheit. Also, Kopf hoch, die Uni wird eine einmalige Zeit – aber geht nüchtern an die Sache heran. Je weniger ihr erwartet, desto mehr werdet ihr es genießen. 

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