Supergute Tage im Grips Theater : Was ist eigentlich normal?

Christopher Boone verabscheut Berührungen mit anderen Menschen und kennt jede Primzahl bis 7507 - er hat das Asperger-Syndrom. An alle, die den Roman " The Curious Incident of the Dog in the Night-Time“ bereits kennen: Das Theaterstück im Grips ist besser! Eine Kritik.

Antonia Bretschkow
Kilian Ponert spielt in "Supergute Tage" Christopher Boone, einen Asperger-Autist. Foto: promo
Kilian Ponert spielt in "Supergute Tage" Christopher Boone, einen Asperger-Autist.Foto: promo

Auf der Bühne liegt eingerollt ein Mann. Oder ist es ein Junge? Vielleicht gar eine Frau? Die Person liegt mit dem Rücken zum Publikum. In ihr scheint eine Mistgabel zu stecken. Der Raum ist bläulich erleuchtet, nur der Spot auf die Person ist rot. Rundherum strömen Menschen in den Raum, fröhlich plaudernd, höchstens einen kurzen Blick in Richtung Bühne werfend. Ich befinde mich im Grips-Theater, die Aufführung hat noch nicht begonnen, aber dieser eine Schauspieler muss sich bereits den Blicken der Zuschauer, die nach und nach den Saal betreten, aussetzen.
Aufgeführt wird am heutigen Abend „Supergute Tage oder die sonderbare Welt des Christopher Boone“. Dieses Stück beruht auf Mark Haddons Roman „The Curious Incident of the Dog in the Night-Time“, einem weltweiten Bestseller, der unter anderem mit dem Whitbread-Award ausgezeichnet wurde. Doch für alle, die das Buch kennen: Das Theaterstück ist besser!
Mittlerweile hat sich Warner Bros die Filmrechte gesichert und in der Gerüchteküche brodelt es schon mächtig, angeblich sei Brad Pitt an der Verfilmung interessiert. Doch Hollywood, wer braucht das schon? Direkt um die Ecke, inmitten Berlins, wird zur Zeit ebenfalls Großartiges inszeniert.
Das Stück beginnt und es stellt sich heraus, dass dort am Boden Christopher Boone kauert. Asperger-Autist, 15 Jahre jung. Die Mistgabel steckt auch nicht in ihm sondern in dem Hund seiner Nachbarin, den er fest an sich gedrückt hält. Der Hund ist tot, offenbar ermordet. Ein Polizist erscheint und will Christopher mit auf die Wache nehmen, doch dieser schlägt um sich. Christopher Boone lebt in seiner eigenen Welt. Er verabscheut Berührungen mit anderen Menschen zutiefst, kennt jede Primzahl bis 7507 auswendig und ist gern mit seiner Ratte Toby allein. Auch der Polizist begreift nach einem Gespräch mit Christophers Vater, dass dieser nicht der Mörder des Hundes ist.

"Ich kann alles schaffen" - Man will ihm zustimmen

Christopher mochte den Hund sehr gern und beginnt mit der Suche nach dem Täter. Dabei erfährt er erstaunliche Dinge über seine Familie, die ihn aus seiner kleinen Welt ausbrechen lassen, und er begibt sich auf eine mutige Reise. Der Hauptdarsteller Kilian Ponert sagt zu seiner Rolle: „Es ist wahnsinnig schwer, innerhalb von acht Wochen Probenzeit zu erforschen, wie ein solcher Mensch denkt und fühlt“. Doch heute Abend ist es ihm, mit herausragendem Schauspiel gelungen, mich innerhalb von zwei Stunden der Welt des Christopher Boone um einiges näher zu bringen. Der Welt eines Asperger-Autisten, die sehr anders gestrickt zu sein scheint, als die eines normalen Menschen. Doch normal, was ist das eigentlich? Auch darüber lässt er einen nachdenken. Gibt es das überhaupt, normal? Ja fast schon gewinnt man Christopher im Laufe der Aufführung lieb und als er dann das Stück mit dem Satz: „Ich kann alles schaffen!“, beendet, will man ihm nur noch zustimmen.

Zur Inszenierung dienten lediglich ein weißer Vorhang und ein Videoprojektor. Doch die erwünschte Wirkung konnte gerade durch so einfache Mittel wunderbar erzielt werden. Und auch die zeitlichen Sprünge gelangen so ohne lange Umbaupausen. „Ich mag es auch sehr, wenn aus kleinen Veränderungen große Bilder entstehen“, begründet die Regisseurin ihr Vorgehen.
Und das Wichtigste: Nie blieb an diesem Abend der Witz auf der Strecke. Nein, ich meine nicht nur die beiden Stolperer der Schauspieler. Besonders die skurrilen Nachbarn oder rücksichtslosen Passanten Berlins, aber auch Christophers direkte Feststellungen wie: „Ich schreibe demnächst meine Abiturprüfung in Mathe. Ich schreibe eine Eins“, gaben Anlass zum Lachen.
Ein Stück über den Autismus, aber auch über stinknormale Familienprobleme und das Erwachsenwerden.
Wann? Samstag, 22. November, 19:30
Wo? GRIPS-Theater am Hansaplatz
Wie viel? 13, erm. 9 Euro
Das war ein Beitrag unseres neuen Jugendmagazins "Schreiberling". Lust auf mehr? Werdet unsere Freunde auf www.facebook.de/Schreiberlingberlin oder folgt uns auf www.twitter.com/schreiberling_. Fanpost und Kritik an schreiberling@tagesspiegel.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben