Vegetarisch leben : Nicht Fisch, nicht Fleisch

Sich Vegetarier nennen, aber Fisch verspeisen: Macht das Sinn? Ja, zumindest für das emotionale Gewissen.

Kathrin Merfort
Fisch - nur ein Hintertürchen zur Fleischeslust?
Fisch - nur ein Hintertürchen zur Fleischeslust?Foto: Henrik Nürnberger

Ich bezeichne mich als Vegetarierin, korrekter wäre Pescetarierin. Denn seit zwei Jahren esse ich kein Fleisch, aber Fisch. Ob das miteinander vereinbar ist? Da bin ich mir selbst nicht Fisch, nicht Fleisch! Mein Onkel zieht mich regelmäßig damit auf, dass ich nur eine halbe Vegetarierin sei und mir so viel an den Tieren ja nicht liegen könne, wenn ich Fisch esse. Und doch geht es mir mit dieser Ernährungsweise so, wie den meisten Mischköstlern, also jenen, die sowohl Fleisch und Fisch als auch pflanzliche Nahrung zu sich nehmen. Mein Kopf gibt vor, welche Tiere ich esse und welche nicht.

Ich habe zu Fischen und anderen Meerestieren nun mal nicht den gleichen emotionalen Bezug wie zu Warmblütern. Laut Ernährungspsychologe Prof. Dr. Christoph Klotter gibt es dafür eine einfache Erklärung: „Mit einem Fisch freunde ich mich nicht an und ich kuschle auch nicht mit ihm“. Umgekehrt habe ich aber auch noch keinen Mischköstler getroffen, der alle Tiere gleichsetzt, der ebenso selbstverständlich auf Hund und Katze kauen würde wie auf einer sich kürzlich noch im Dreck suhlenden Sau. Auch hier zieht der Kopf ideelle Grenzen. Er selektiert, welche Tiere potenziell auf dem Mittagsteller landen und welche nicht. „Tiere, wie Hund oder Katze, mit denen Menschen zusammen wohnen, wollen viele Fleischesser dann doch nicht verzehren“, so Klotter.

Nicht nur eine Frage der Ethik

„Aber Fische sind doch auch Tiere!“, sagt meine ehemalige Kommilitonin Sina zu mir, als wir vergangenen Freitag bei Lachsfilet und Kartoffelpüree in der Mensa sitzen. Sätze wie diesen höre ich oft. Ich erkläre ihr das mit der emotionalen Beziehung und füge hinzu, Vegetarier sein wegen der Tiere selbst ist für viele ein naheliegender, aber nicht zwangsläufig der einzige Grund. Da spielen zum Beispiel auch religiöse oder gesundheitliche Aspekte eine Rolle. Wer auf Fleisch verzichtet wegen einer bestimmten Religionszugehörigkeit oder sich nicht mit Rinderwahn infizieren will, hat meist andere Beweggründe, als die Tiere aus Mitgefühl nicht zu essen.

Vorwand für alte Gewohnheiten?

„Aus ernährungspsychologischer Sicht kann der Verzehr von Fisch auch eine Ausweichmöglichkeit darstellen, um nicht ganz auf Tier verzichten zu müssen“, sagt Klotter. Tja, so könnte es also bei mir sein, muss ich mir mit halbwegs schlechtem Gewissen eingestehen. „Einige schließen sich auch Ernährungstrends an. Es ist aber unwahrscheinlich, dass sie dies konsequent durchhalten, denn Menschen haben Essgewohnheiten“, sagt Klotter weiter. So erzählte mir meine Freundin Julia, seit einem Jahr Vegetarierin, neulich beim Joggen: „Ich selbst würde mir weder Fisch noch Fleisch kaufen. Aber wenn Oma davon etwas zubereitet, esse ich es. Ich möchte nicht unhöflich sein und sie nicht verletzen“. Also vielleicht nur ein Vorwand, um die gewohnte Ernährungsweise von früher ausleben zu können? Andererseits sucht wohl niemand gern die ideologische Konfrontation mit Omi.

Es geht auch ohne Fisch

Nach offiziellen Angaben des vebu (Vegetarierbund Deutschland e. V.) können alle wichtigen Inhaltsstoffe auch anders kompensiert werden. So finden sich zum Beispiel Omega-3-Fettsäuren in Leinsamen- und Rapsöl, Vitamin A in Spinat und Karotten, Vitamin D in Pilzen, Jod in Algen und jodiertem Speisesalz, und Eiweiß in Hülsenfrüchten wieder. Zugegeben, auch wenn das geschmacklich nicht allzu vielversprechend klingt, die Arterhaltung wird dabei allemal begünstigt. Und einer Überfischung der Meere könnte entgegengewirkt werden.

Doch sind pflanzliche Inhaltsstoffe mit denen des Fisches denn gleichwertig? Laut der DGE (Deutsche Gesellschaft für Ernährung e. V.) sind die Nährstoffe des Fisches hochwertiger, die Aminosäuren, die Grundbausteine der Proteine, in ihrer Zusammensetzung denen des Menschen ähnlicher und somit leichter verwertbar. Eine gesundheitliche Beeinträchtigung liegt bei vollständigem Ersatz durch pflanzliche Nährstoffe jedoch nicht vor - vorausgesetzt, dass man diese gut miteinander kombiniert.

Aus gesundheitlicher Perspektive könnte ich also auf Fisch verzichten. Dennoch esse ich ihn. Hoffentlich ist‘s nicht nur ein Hintertürchen zur Fleischeslust.

Gefällt dir? Das ist ein Beitrag von unserem Jugendblog "Der Schreiberling". Werdet unsere Freunde auf www.facebook.de/Schreiberlingberlin oder folgt uns auf www.twitter.com/schreiberling.

0 Kommentare

Neuester Kommentar