Von der Schulbank : Guter Lehrer, schlechter Lehrer

Wir lachen über unsere Pädagogen, leiden mit ihnen mit, regen uns über sie auf - und widmen ihnen diese fünf Geschichten

Anna Dombrowsky, Alexander Wollheim, Hanna Kroll, Henrik Nürnberger, Natascha Grinina
Nicht alle Lehrer bekommen Bestnoten, die Schauspieler Elyas M'Barek und Karoline Herfurth (aktuell mit dem zweiten Teil von "Fack ju Göthe" im Kino) schon.
Nicht alle Lehrer bekommen Bestnoten, die Schauspieler Elyas M'Barek und Karoline Herfurth (aktuell mit dem zweiten Teil von "Fack...Foto: Christoph Assmann/Constantin Film Verleih GmbH/dpa

Technophobiker bei der Arbeit

Meine Schule war technisch ausgerüstet. Dennoch näherte sich ein Teil der Lehrer den technischen Geräten mit der Vorsicht eines Bombenentschärfers. Die Play-Taste am CD-Player war das rote, alle anderen Knöpfe waren das blaue Kabel. Wenn man das blaue Kabel auch nur berührte, würde die Bombe explodieren. Bestimmt. Oder zumindest alle Einstellungen so irreversibel verstellen, dass man nie, nie wieder zur eigentlichen Einstellung zurückfinden würde.

Anna Dombrowsky
Anna DombrowskyFoto: privat

Eine Lehrerin schrie uns jedes Mal panisch an, sobald wir uns auf zwei Meter einem Schalter näherten. Völlig irrational. Es ist ja nicht so, als würden Schüler mit einem höheren Sinn für Technik geboren. Auch wir wissen oft nicht Bescheid. Doch anstatt darauf zu warten, dass der Hausmeister in den dritten Stock geschnauft kommt, schauen wir uns die Geräte an und finden ihre Funktionen heraus. Ein wenig naiv vertrauen wir darauf, dass sie schon nicht explodieren werden. Doch die Technophobie der Lehrer nutzt den Schülern. Meine unbeliebte Englischlehrerin konnte nicht einmal eine DVD einlegen. Als wir den Film von der vergangenen Stunde weiterschauen wollten, behaupteten wir, man könne nicht direkt zu der Stelle springen, an der wir abgebrochen hatten, sondern müsse ungefähr eine halbe Stunde davor anfangen. Unsere Lehrerin konnte nicht widersprechen. Ich glaube, sie kam nicht einmal auf die Idee, dass wir sie anlogen.

Die jüngere Generation Pädagogen gibt Anlass zur Hoffnung. Der Englischlehrer nach ihr hatte keine Scheu vor digitalen Geräten. Als unsere Räume mit Smartboards, also Tafeln mit eingebautem Computer und Touchscreen, ausgestattet wurden, bettelten wir ihn an, auf der digitalen Tafel zu schreiben. Feierlich ergriff er den Touchpen. Hielt ihn in die Höhe. Setzte an und - oh! Wir, die Generation Smartphone, folgten entzückt seinen Bewegungen. Ein schwarzer Strich. Standing Ovations. Anna Dombrowsky

Auch nur Menschen

Pünktlich mit dem Pausenklingeln beginnt das Gewusel auf den Korridoren, nicht allzu pünktlich endet es wieder. In dieser Zeit passieren wenig außergewöhnliche Dinge: ein kleiner Snack, ein Gang zum Schwarzen Brett, ein kurzes Treffen mit der Freundin im Treppenhaus. Und natürlich viel Gequatsche. Über Schule und die Welt, über die Platzierung in der Angry-Birds-Rangliste, vor allem aber über die blöden Lehrer. Kurz hingehört, begegnen einem die altbekannten Phrasen: „Ist klar, dass ich bei der wieder eine schlechte Zensur bekomme.“ „Der würfelt seine Noten doch!“ „Die hat mich auf dem Kieker.“ Wahlweise werden mal die Mädchen, mal die Jungs bevorzugt - oder die üblichen Schleimer. Und überhaupt: Wer Französisch unterrichtet, mit dem muss ja irgendwas nicht stimmen.

Alexander Wollheim
Alexander WollheimFoto: privat

Dass Lehrer zum Objekt von Lästerei werden, liegt sicher daran, dass sie in der Schule die erste Form von Autorität darstellen, in einer für Schüler klar geregelten Hierarchie außerhalb der Familie. Wenn Papa über seinen sadistischen Chef meckert oder die Regierung mal wieder alles falsch macht, ist das kaum etwas anderes. Gut möglich also, dass man auch im Lehrerzimmer genüsslich über den Direktor herzieht, sollte er mal nicht anwesend sein.

Doch was Lehrer durch Schüler mitunter zu erleiden haben, gleicht einem Offline-Shitstorm, der immer nur ein Fettnäpfchen entfernt ist. Nirgendwo ist die Schadenfreude größer, als wenn ein Lehrer betroffen ist. Kaum verrechnet oder verhaspelt er sich - oder lässt im schlimmsten Fall beim Tafelwischen ein wenig Bauch blicken -, geht es auch schon los. Bei einem Gegenangriff hat er schlechte Karten: Eine ganze Klasse passt schließlich nicht ins Fettnäpfchen. Auch außerhalb der Schule sieht es nicht anders aus. Bei niemandem, nicht mal der Ex, wechselt man so unverschämt schnell die Straßenseite, um am Feierabend nicht noch einen Smalltalk über die letzte verhauene Klausur beginnen zu müssen.

Oft nehmen wir das Verhältnis zwischen Schülern und Lehrern als Antagonismus wahr - und uns selbst als die strahlenden Ritter der Gerechtigkeit im epischen Kampf ums Abitur. Dabei ist uns eigentlich klar, dass alle Menschen, und damit auch alle Lehrer und Schüler, ihre Schwächen haben. Die eigenen zuzugeben, ist nur zu unbequem. Trotzdem versuchen wir in der Schule jeden Tag derjenige zu sein, der den nächsten großen Coup landet und damit bestenfalls noch die großen Whatsapp-Gruppen erobert. Zeit für mehr Ehrlichkeit. Ein Herz für Lehrer! Alexander Wollheim

Sprössling im Referendariat

Schon klar: Alte Lehrer sind langweilig, können nicht erklären und sind überhaupt schon viel zu lange erwachsen, um uns Jugendliche auch nur ansatzweise zu verstehen. Die jungen Lehrer, frisch von der Uni, die wissen dagegen noch, wie es sich anfühlt, verkatert aufzuwachen und sich trotzdem durch die Hausaufgaben zu quälen. Die sind da einfach viel verständnisvoller und reagieren lässiger, die haben noch Lust auf neue Unterrichtskonzepte. Theoretisch. Nur leider entspricht das nicht der Realität.

Hanna Kroll
Hanna KrollFoto: privat

Bevor junge Lehrer nämlich zum gechillten Kumpeltyp werden, müssen sie die Ich-habe-endlich-etwas-zu-sagen-Phase überwinden. Besonders häufig ist die bei Referendaren zu beobachten. Dann steigen die von Professoren jahrelang drangsalierten Lehrlinge in den Stand der Meister auf. Und diese neu gewonnene Macht wird natürlich an uns Schülern ausgelassen. Die jungen Lehrer, die jetzt die Schulen fluten, sind übermotiviert, scheuchen uns viel zu gut gelaunt auf den Hof und verteilen schlechte Noten, um zu beweisen, wie viel mehr Ahnung sie von dem Thema haben als wir.

Kaum geloben zumindest die Lehrerinnen unter ihnen Besserung, werden sie auch schon schwanger. Unzählige Male haben deshalb meine Pauker gewechselt. Gerade arrangierte ich mich mit der neuen Französischlehrerin, schon eröffnet sie uns: „Übrigens, ich gehe dann ab Weihnachten in Elternzeit.“ Wieso eigentlich, wenn sie doch den ganzen Tag hunderte Kinder vor sich hat, braucht sie da noch eigene? Bei uns muss sie nicht einmal Windeln wechseln!

Mit dem neuen Lehrer folgen auch neue Gewohnheiten, unbekannte Vorlieben, oft komplett neuer Stoff - und damit auch mehr Schulstress. Junge Lehrer sind also nicht immer die Lieblinge der Klasse - auch wenn es niedlich ist, wenn sie ihre Sprösslinge irgendwann stolz mit zur Schule bringen. Hanna Kroll

Sichere Berufsqual

„Was studierst du so?“ Wieder eine Party, wieder diese typischen Fragen eines Studenten-Smalltalks. Ob Germanistik, Physik oder Informatik - folgt dem genannten Fach „auf Lehramt“, ist nicht mit einer normalen Reaktion zu rechnen. Zumindest bei mir nicht, da bin ich ehrlich.

Henrik Nürnberger
Henrik NürnbergerFoto: privat

Ich habe für Lehramtsstudenten stets viel Anerkennung übrig, für deren Wunsch, ernsthaft hyperaktive Teenager mit Funktionsgleichungen zu belästigen, um sich dann auch noch vor Eltern angeblich hochbegabter Kinder für jede durchschnittliche Note zu rechtfertigen. Lehrer.

Das ist kein normaler Beruf, sondern eine Berufung, die neben der Leidensfähigkeit als unabdingbarer Voraussetzung vor allem eins erfordert: Begeisterung am Lehren. Gern erinnere ich mich an Frau Kriedemann, die mit ihrer energischen Art Themen so spannend zu vermitteln wusste, dass sie meiner regen Teilnahme am Unterricht stets gewiss war. Doch leider sind mir auch sonderbare Pädagogen in Erinnerung. Symbol für spröde Schultage war Frau Müller, bei der ich quälende Stunden des stumpfen Abschreibens bezwang. Dazu die permanent genervte Laune und das Desinteresse, sich mit „diesen Schülern“ beschäftigen zu müssen. Warum sie nach dem gefühlt dritten Burn-out dann noch diesen Beruf ausübt? Mein auf Lehramt studierender Gesprächspartner liefert mir prompt die Antwort auf genau diese Frage, als er hinzufügt: „Na ja, dann hab ich wenigstens einen sicheren Job.“ Das sei bei Germanistik eben nicht so einfach.

Aus meiner Anerkennung wird Mitleid - für die Schüler, die bestimmt lieber eine begeisterte Frau Kriedemann vor sich hätten als einen opportunen Germanisten, der mal auf „Note sicher“ gehen wollte. Spaß am Lehren klingt anders. Henrik Nürnberger

Russische Autorität

„Und der Gewinner unserer Top-Ten-Liste ist ...“, sagte Pawel Fjodorowitsch schmunzelnd, indem er sich in den Drehstuhl schwang, „... diesmal wieder Kolja!“ Die Reaktion der Klasse auf diesen Satz war lautes Lachen und Brüllen. Denn die Spitzenreiter dieser Liste waren in unserem Russischunterricht diejenigen, die den Grammatiktest am schlechtesten geschrieben hatten. Wenn unser Lehrer sich kleinere Späße über etwas zurückgebliebene Schüler erlaubte, hielt er die Klasse in Atem. Damals hat keiner von uns geglaubt, dieses Verhalten könne unangemessen sein - alle hatten viel Spaß.

Natascha Grinina
Natascha GrininaFoto: privat

Eigentlich genoss Pawel Fjodorowitsch viel Respekt - sowohl bei den Schülern als auch bei anderen Lehrern. Seine amüsant-grausame Art machte ihn schnell beliebt. Er konnte es sich leisten, einfach mal vor einem bevorstehenden Test zu sagen: „Bringt einen Korb mit, damit ich gleich eure guillotinierten Köpfe ablegen kann.“ Ein anderes Mal fragte er einen stilbewussten Mitschüler, ob er ihm nicht anstatt seiner tief runterhängenden Jeans vielleicht eine anständige Hose aus dem eigenen Schrank anbieten solle? Sie würde wohl etwas breit sitzen, aber mit einem Gürtel ließe sich das richten.

Erst mit dem Erwachsenwerden habe ich angefangen, mir über seine pädagogischen Methoden Gedanken zu machen: Was, wenn Schüler durch herablassende Witze gekränkt werden? Wenn sie Komplexe entwickeln? Und warum sind es gerade Kinder, die von einer solchen Autorität schnell fasziniert sind, während die Älteren seinen Stil eher als skandalös empfanden? Es sind Fragen, auf die ich auch nach meiner Zeit im russischen Bildungssystem keine Antwort gefunden habe. Natascha Grinina

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