Was wir trinken : "Bier sollte nicht akademisiert werden"

Cola muss nicht braun sein, Brausen müssen keine chemischen Verstärker enthalten und Limonaden nicht nur nach Zitrone schmecken. Wir haben uns mit Berliner Brauern getroffen. Teil 7 - die Berliner Bierfabrik.

Henrik Hölzer
Sebastian Mergel, der Bierexperte.
Sebastian Mergel, der Bierexperte.Foto: Henrik Hölzer

Schabrackentabier, Heimat, Red Lager und Wedding Pale Ale, das gibt es nur in der Berliner Bierfabrik. Auf dem Gelände der Alten Börse in Marzahn haben sich Julian, André und Sebastian einen Traum erfüllt. Seit knapp einem Monat wird hier gebraut und hier treffe ich auch Sebastian Mergel, den Mitbegründer der Berliner Bierfabrik.

Es ist früher Abend und das herbstliche Abendlicht strahlt intensiv auf das Gelände. Gemeinsam bei einem Bier, selbstgebraut natürlich, sitzen wir zusammen. Auf meine Frage, wie ich mein Bier eigentlich richtig genießen sollte, schmunzelt Sebastian: „Uns liegt es fern, dass mit dem Bier dasselbe passiert wie mit dem Wein, dass das sehr verakademisiert wird", sagt er. "In der Regel wird gutes Bier meist zu kalt getrunken. Aromamoleküle sind sehr leicht flüchtig." Die Reihenfolge beim Kosten beginne mit dem Anschauen. DDann nasal und natürlich trinken. Wichtig sei das Schmecken und Schlucken, um den bitteren Abgang zu spüren. "Ansonsten trink, was dir schmeckt.“

Das mache ich gerne und gleichzeitig erzählt mir Sebastian, wie er und die beiden anderen Gründer auf die Idee kamen, ihr eigenes Bier zu brauen: „Julian, André und ich haben uns an der TU in Berlin beim Studiengang Brauerei- und Getränketechnologie kennengelernt." Das war vor vier Jahren. "Aus Spaß fingen wir an, selber zu brauen," sagt Sebastian.

Das selbst gebraute Bier brachten sie dann auf Partys, zu Freunden oder Open Airs mit und bekamen ziemlich gutes Feedback. 2011 belegten sie beim Studentischen Brauereiwettbewerb der TU Hamburg Harburg den zweiten Platz. Danach kam aus der Jury eine Bierfachverkäuferin auf die Jungs zu und fragte, wo man das Bier erwerben könne, um es in ihrem Shop anzubieten. In dem Zusammenhang fragte sie auch, wie groß die Brauerei sei. "Zu dem Zeitpunkt war das mein Balkon oder Julians Dachterrasse. Dort haben wir auch eigenen Hopfen angebaut. De facto gab es die also noch nicht. Aber wir sagten: Wir haben da etwas vor.“

Beim Wedding Pale Ale spielte das Reinheitsgebot von 1516 keine Rolle

Dann haben sie als Gypsy Brewer angefangen, das heißt sie haben selber im kleinen Maßstab die Rezepte entwickelt und diese dann bei anderen Brauereien umsetzen lassen. Der Verkauf lief immer besser. "Wir haben gemerkt, dass wir immer weniger Zeit zum Studieren hatten und haben dann beschlossen, wir machen uns mit unserer eigenen Brauerei selbständig", sagt Sebastian.

Angefangen hat es mit dem Wedding Pale Ale. In Wedding liegen auch die Anfänge der Brauerei. „Das Wedding Pale Ale setzt sich zusammen aus einer Schüttung von sechs verschiedenen Malzen. Es sind auch ein bisschen Rauchmalz und sieben Bitter- und Aromahopfen enthalten.“ Sebastian erklärt mir: „Pale bedeutet hell oder blass und Ale ist der Biertyp obergärig." Das India Pale Ale, zu dem auch das Weddinger Bier zählt, zeichne sich neben den Bittereinheiten, manchmal auch durch einen höheren Alkoholgehalt und eine Fruchtigkeit aus, die aus dem verwendeten Aromahopfen kommt. Das Spiel zwischen dem bitteren und dem fruchtigen Beigeschmack mache die klassischen India Pale Ale‘s aus. Sebastian stellt bewusst heraus: „Es ist nicht unser Anspruch, ein Bier zu machen, das allen schmeckt.“

Das Wedding Pale Ale.
Das Wedding Pale Ale.Foto: promo

"Think global, drink local"

Beim Brauen des Wedding Pale Ale’s haben sie das Reinheitsgebot für Biere von 1516 bewusst ignoriert. „Für mich ist das Reinheitsgebot in erster Linie eine Verbrauchertäuschung," sagt Sebastian. "Wir wollen uns in unserer Kreativität nicht einschränken lassen." Die Stärkequelle sei für den Stoffwechselprozess der Hefe egal. Die Stärke könne auch aus Hirse, Hafer, Mais oder auch Reis kommen. "Das ist regional unterschiedlich, geschmacklich gibt es natürlich Unterschiede.“ Beim Brauen ihres ersten Bieres verwendeten sie auch ein bisschen Reis. „Das haben wir gemacht, um den Malzkörper ein wenig in den Hintergrund zu bringen und dafür den Hopfen mehr Raum zu geben.“

Was er sich für die Zukunft wünscht, ist es ein solides mittelständiges Unternehmen mit 10 bis 15 Angestellten zu werden. „Ich würde es toll finden, wenn wir im Drei-Schicht-Betrieb hier arbeiten könnten. Ich glaube, dass der Craft Beer Markt in Deutschland wachsen wird. Und ich fände es geil, wenn es wie früher wieder 200 Brauereien in Berlin geben würde, die ihren lokalen Kiez versorgen. Think global, drink local. Schaue dich in deinen regionalen Strukturen um. Kauft doch da, anstatt bei den Großkonzernen.“, das würde er toll finden.

 

Ich wurde wirklich vom Geschmack überrascht. Das Wedding Pale Ale und die anderen Biere der Bierfabrik kann man an knapp 30 Orte in Berlin kaufen und trinken. Eine Liste findet ihr auf dieser Website www.beer4wedding.de/wo/.

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