Jugendforum : Jugendliche übernahmen das Abgeordnetenhaus

Tausende Jugendliche waren zum 9. Berliner Jugendforum gekommen. Jedes Jahr übergeben die Abgeordneten das Parlamentsgebäude für einen Tag an die Jugendlichen und diskutieren mit ihnen über Themen wie Schulreform oder Integration.

Anne Meyer

Knut kam gestern nicht zum Einsatz. Lilith Kwee hat den kleinen Eisbären aus Stoff mit ins Abgeordnetenhaus gebracht, als „Redetier“. „Wer Knut in der Hand hält, darf reden, und niemand soll ihm ins Wort fallen“, erklärt die 19-jährige Moderatorin des Jugendforums. Zur Diskussionsrunde über „Moderne Nazis“ sind aber nur fünf Teilnehmer gekommen, und das Stofftier bleibt einsam auf einem Stuhl liegen.

Im Foyer war dafür umso mehr los. Tausende Jugendliche waren zum 9. Berliner Jugendforum gekommen, das vom Wannseeforum organisiert wird. Jedes Jahr übergeben die Abgeordneten das Parlamentsgebäude für einen Tag an die Jugendlichen und diskutieren mit ihnen über Themen wie Schulreform oder Integration. Das diesjährige Forum stand unter dem nicht gerade schülerfreundlichen Motto „Kreativität trotz(t) Krise – Berlin als Standort der Kreativwirtschaft“. Auch bei diesem Thema hielt sich das Interesse der jungen Leute in Grenzen.

Gestern zählte vor allem eins: das Rahmenprogramm. Wo sonst die Politiker den Weg in ihre Büros nehmen, tanzten hunderte Jugendliche zu lauter Hiphop-Musik. Andere besuchten Rap-Workshops, ließen sich mit Riesenfiguren aus dem Karneval der Kulturen fotografieren oder sahen sich mit Zuckerwatte in der Hand Filme an. Auch die vielen Stände der Berliner Jugendprojekte waren gut besucht. Neben deutsch-türkischen Mädchenvereinen präsentierten sich Projekte gegen Rechts und schwullesbische Initiativen. Aufmerksamkeit erregte vor allem die Gehörlosengruppe „Sinneswandel“, die zum Austausch über Religionen anregen möchte und Führungen durch Moscheen, Synagogen und Kirchen in Gebärdensprache anbietet.

Nach zwei Stunden schickte Lilith Kwee die fünf Teilnehmer ihrer Diskussionsrunde in die Mittagspause. Sie versucht, das geringe Interesse positiv zu sehen. „Jetzt kommt wenigstens jeder zu Wort“, sagt sie. Lilith ist schon zum fünften Mal als Moderatorin dabei. In den letzten Jahren hat sich einiges geändert, erzählt sie: „Früher haben sich mehr Leute für die Diskussionen interessiert.“ Dafür sei das Kulturprogramm größer geworden. „Das ist auch nicht schlecht, denn das scheint mehr Jugendliche anzuziehen.“ Anne Meyer

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