Berlin : Jugendgefängnis so voll wie nie

Jugendliche kommen in Haft, weil es an anderen Möglichkeiten fehlt. Senatorin will mehr Intensiv-Betreuung

Fatina Keilani

Immer häufiger kommen jugendliche Straftäter ins Gefängnis, in Untersuchungshaft, vor allem aber in Strafhaft. Das Jugendgefängnis sei „voll wie nie“, sagte der Leiter der Jugendstrafanstalt Plötzensee, Marius Fiedler, dem Tagesspiegel. Kürzere Freiheitsstrafen, zum Beispiel acht Monate, habe es früher viel seltener gegeben. Meist sei dann entweder die Strafe zur Bewährung ausgesetzt oder das Verfahren eingestellt worden. Das Problem bei kürzeren Freiheitsstrafen sei, dass man in dieser Zeit mit dem Jugendlichen wenig erreichen könne. „Die meisten haben 20 Jahre Fehlentwicklung hinter sich, das kann man nicht in wenigen Monaten beheben“, sagte Fiedler. Auch für eine Berufsausbildung oder eine vernünftige Therapie sei diese Zeitspanne zu kurz. Man versuche dennoch das Mögliche.

Jugendliche Gewalttäter haben in den vergangenen Wochen negative Berühmtheit erlangt (siehe links). Auffallend war in allen Fällen ihre Brutalität. Schlagzeilen machte auch eine siebenköpfige Bande junger Männer, die eine Serie von 23 Gaststättenüberfällen beging. Ihr werden zusätzlich 13 Überfälle auf Kioske und einen Getränkemarkt vorgeworfen. Sechs der Jugendlichen zwischen 16 und 19 Jahren sitzen in Untersuchungshaft.

Insgesamt liegt die Zahl der Jugendlichen in U-Haft aber nicht höher als zu früheren Zeiten. Das belegen die so genannten Mittwochszahlen der Justizverwaltung, die so heißen, weil sie jeden Mittwoch veröffentlicht werden. Daraus geht hervor, dass am 9. April dieses Jahres 102 Jugendliche in U-Haft waren. Die Vergleichszahlen für 2002 und 2001 sind 105 und 85. Auch die Zahlen vom Januar sind im Vergleich zu Vorjahresmonaten ähnlich, für Januar 2003 stehen 86 jugendliche U-Häftlinge 85 und 91 aus den Vorjahren gegenüber.

Nach dem Jugendrecht soll die Untersuchungshaft bei Jugendlichen eigentlich nur verhängt werden, wenn es gar nicht anders geht – als letztes Mittel sozusagen. Andere Maßnahmen, besonders solche mit erzieherischem Gehalt, haben Vorrang. Geschlossene Heime boten solche Möglichkeiten. Die aber wurden schon vor Jahren per Gesetz abgeschafft. Auch Plätze zur Haftvermeidung gibt es nicht genügend – unter anderem, weil sie teuer sind.

Justizsenatorin Karin Schubert (SPD) wäre froh, wenn es öfter gelänge, den Aufenthalt in der Haftanstalt zu vermeiden. Schubert sprach sich gestern für mehr Plätze mit Intensiv-Betreuung aus. „Es wäre besser, für Jugendliche mehr Unterbringungsmöglichkeiten mit Intensivbetreuung zu schaffen, statt sie in den ohnehin vollen Haftanstalten unterzubringen“, sagte die Senatorin dem Tagesspiegel. „Das wäre wirksamer für die Jugendlichen und zugleich sinnvoll für die Gesellschaft, weil so weitere Straftaten vermieden werden können.“

Nur fünf Prozent aller Jugendlichen Straftäter werden „Stammkunden“ bei der Justiz. Studien belegen, dass 95 Prozent nur einmal straffällig werden. „Sie fallen einmal auf, kriegen dann einen Riesenschreck, und dann hört man nie wieder etwas von ihnen“, sagt Justizsprecherin Andrea Boehnke.

Im Berliner Jugendgefängnis sitzen derzeit 350 Jugendliche und Heranwachsende eine Strafe ab, allein 50 von ihnen sind Mörder. Jugendkriminalität ist nahezu vollständig ein Phänomen junger Männer.

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