Jugendgewalt : Berliner Jungkriminelle sollen schneller bestraft werden

Mit großer Wahrscheinlichkeit wird „Neuköllner Modell“ jetzt auf ganz Neukölln und sowie den Stadtteil Friedrichshain-Kreuzberg erweitert. Kriminelle Karrieren, familiäre und soziale Zusammenhänge bekommen Richter so besser in den Blick. Allerdings hat die Polizei noch Strukturprobleme.

Junge Kriminelle sollen es bald noch schneller mit der Justiz zu tun bekommen. Das sogenannte Neuköllner Modell, an dem zur Zeit drei Richter mitarbeiten, soll ausgeweitet werden. Beschleunigte Verfahren gegen Jugendliche bis zum Alter von 18 Jahren sind möglich, wenn die Beweislage bei einer Straftat übersichtlich ist. Im Verfahren können bis zu vier Wochen Jugendarrest verhängt werden. Auch schwere Delikte wie Raub können auf diesem Weg verfolgt und innerhalb einiger Tage abgeurteilt werden.

Bei einem Treffen am gestrigen Dienstag wollten sich Jugendrichter, Vertreter der Staatsanwaltschaft und der Polizei darüber verständigen, ob das bislang vor allem im Neuköllner Rollberg-Viertel praktizierte Modell auf ganz Neukölln und auf Friedrichshain-Kreuzberg ausgeweitet werden kann. Dann würden acht Richter nach dem neuen Verfahren arbeiten, bei dem die Fälle nicht mehr nach Postleitzahlen zugeteilt werden, sondern kiezorientiert. Das soll – ähnlich wie beim Umgang mit Intensivtätern – dazu führen, dass Richter kriminelle Karrieren und familiäre oder soziale Zusammenhänge besser in den Blick bekommen. Dann können sie auch eher beurteilen, wie und wohin sich jugendliche Straftäter entwickeln und wann zum Beispiel Schulschwänzerei zur Voraussetzung von Delinquenz wird. Aus dem täglichen Umgang mit jungen Straftätern wissen Jugendrichter, dass schon 14 Jahre alte Delinquenten jedes Gefühl für Disziplin verloren haben oder nie hatten.

Jugendrichterin Kirsten Heisig, eine der Erfinderinnen des Modells, saß gestern mit am Runden Tisch. Sie hatte stets dafür geworben, das zunächst auf das Neuköllner Rollbergviertel beschränkte Modell auszuweiten. Doch hing bei der Verfahrensbeschleunigung fast alles von der Vorarbeit der Polizei und der Staatsanwaltschaft ab. Vor allem die Polizei tat sich, so hieß es, zunächst schwer mit der Zuarbeit für die Justiz: Die Vorarbeiten für ein beschleunigtes Verfahren müssen rasch erfolgen, was eine entsprechende Arbeitseinteilung bei der Polizei erfordert. Heisig und ihre Kollegen hatten jedenfalls zunächst nur wenige Fälle beschleunigt beurteilen könnten.

Doch in der vergangenen Woche hatten Polizeipräsident Dieter Glietsch und Generalstaatsanwalt Ralf Rother überraschend erklärt, das Modell solle ausgeweitet werden. An dem Gespräch waren allerdings Jugendrichter, die der Ausweitung zustimmen müssen, gar nicht beteiligt. Am Runden Tisch der Justizverwaltung sollten am gestrigen Dienstag alle Unstimmigkeiten beseitigt werden. Widerstände gegen die Ausweitung des Verfahrens bestanden offenbar nicht mehr. Polizeipräsident Glietsch sagte: „Aus meiner Sicht spricht nichts dagegen.“

Außer dem Polizeipräsidenten nahmen auch Justizstaatssekretär Hasso Lieber, der Moabiter Chefankläger Andreas Behm und Amtsgerichtspräsident Alois Wosnitzka und der Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky an dem Runden Tisch teil. wvb.

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