Jugendgewalt : Junge Straftäter stärker erziehen

Justizsenatorin von der Aue sieht Versäumnisse und will enger mit Jugendämtern zusammenarbeiten.

Werner van Bebber

Das versteht sich fast von selbst bei einer Sozialdemokratin: Justizsenatorin Gisela von der Aue hält nichts davon, jugendliche Straftäter einfach wegzusperren. Nicht mal bei Intensivtätern gibt sie den Erziehungsgedanken auf, das machte von der Aue bei einer Diskussion am Donnerstagabend deutlich, in der es um den Umgang der Justiz mit den besonders hartnäckigen Kriminellen unter Problemjugendlichen ging. Selbst wenn von der Aue über junge Messerstecher dächte wie Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder über Kinderschänder: Im Jugendstrafrecht ist die Besserung des Delinquenten oberstes Gebot. Doch will die Senatorin offenbar genauer hinhören, wenn Richter und Staatsanwälte ihre begrenzten Möglichkeiten kritisieren und intensivere Zusammenarbeit etwa mit den Jugendämtern verlangen. Das kündigte von der Aue am Donnerstag an.

Den Juristen, Polizisten und Sozialarbeitern ging das, was die Senatorin zuvor über die Neuerung im Jugendstrafvollzug gesagt hatte, nicht weit genug. Offenbar haben immer mehr Jugendrichter und Staatsanwälte den Eindruck, dass ihre Klientel nur noch durch Haftstrafen zu beeindrucken ist. Gewiss: Die derzeit rund vierhundert einsitzenden Intensivtäter zeigen auch, was mit der Integration alles nicht funktioniert hat. Viele kommen – der Kriminologe Claudius Ohder hat es untersucht und stellte es ausführlich dar – aus nahöstlichen oder ex-jugoslawischen Flüchtlingsfamilien, wachsen vaterlos auf, tun sich mit allem schwer, angefangen mit der deutschen Sprache. Und doch mochte kaum einer der Juristen am Donnerstag diese Serienstraftäter als Opfer sehen. Zu fest ist inzwischen bei allen, die sich mit der Erziehung solcher Jugendlicher abmühen, der Eindruck einer abweisenden Deutschen- oder „Staatsfeindlichkeit“, wie ein Jugendrichter im Publikum meinte. Anders gesagt: Alle Versuche, auf die paar hundert besonders schwierigen Jungen aus libanesischen oder türkischen Familien einzuwirken, scheitern an der Nichterreichbarkeit und am Desinteresse ihrer Eltern.

Man müsse im Umgang mit den kriminellen Jungendlichen den Grundsatz „Fördern und Fordern“ anwenden, sagte die Neuköllner Jugendrichterin Kirsten Heisig. Sie hat (in Interviews mit dieser Zeitung) schon mehrfach darauf hingewiesen, dass Bezirke wie Neukölln auch aus Juristensicht eine hochproblematische Entwicklung nehmen. Diesmal schien es, als nehme von der Aue solche Bemerkungen ernster denn je. Die Justizsenatorin hört nicht gern, dass Richter oder Staatsanwälte finster über die begrenzten Möglichkeiten im Umgang mit kriminellen Jugendlichen reden. Doch als am Donnerstagabend Jugendrichter, ein Kriminalbeamter, eine Integrationsfachfrau und ein Hauptschullehrer berichteten, woran Prävention in Berlin ständig scheitere, kündigte die Senatorin an, auf die Basis der Richterschaft zuzugehen. Sie wolle hören, was die Jugendrichter für Erfahrungen machten, sagte von der Aue. Auch sie glaubt: „Wir waren vielleicht zu wenig fordernd.“

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