Jugendgewalt : Junge Täter hinter verschlossenen Türen

Die Berliner Politik debattiert über Heime für jugendliche Delinquenten. Junge Gewalttäter hält das offenbar nicht von neuen Attacken ab.

Jörn Hasselmann,Annette Kögel

Zwei weitere junge Serientäter sind seit gestern in Heimen untergebracht. Ein Ermittlungsrichter erließ am Mittwochabend gegen den 16-jährigen Dennis K. und seinen gleichaltrigen Komplizen Rachid L. einen Unterbringungsbeschluss. Sie wurden in zwei Jugendheime im brandenburgischen Frostenwalde und in Berlin eingewiesen. Die beiden hatten am 8. Januar im S-Bahnhof Plänterwald einen 30-jährigen Fahrgast schwer verletzt, der die Jugendlichen vom Randalieren abhalten wollte. Den dritten Schläger, Dennis E., schickte der Richter nach Hause.

Unterdessen stellte der auf Jugendhilfe spezialisierte diakonische Träger EJF Lazarus Details eines neuen Heims in Brandenburg vor, das speziell für delinquente Kinder und straffällige Jugendliche aus Berlin gedacht ist. Der Träger bezeichnet das Heim als „offene Einrichtung mit zeitweiliger Verschlussmöglichkeit“. Jugendsenator Jürgen Zöllner (SPD) sagte dazu, er begrüße das Konzept, wonach in einer „grundsätzlich offenen Einrichtung Kinder in Krisensituationen vorübergehend daran gehindert werden können, davon zu laufen“. Für Zöllner ist das EJF-Heim ein offenes Haus mit erzieherischer Aufgabe, „im Gegensatz zu geschlossenen Einrichtungen, wo der Schwerpunkt auf baulicher Sicherung liegt“.

Erneut sind Jugendliche als Strattäter aufgefallen. Am Mittwochabend wurde ein BVG-Fahrgast attackiert, nachdem er sich gegen einen Randalierer gewendet hatte. Gegen 22 Uhr hatte sich der 17-Jährige Cihan D. in einem Bus der Linie M 41 mit seiner Freundin gestritten. Dabei zertrat D. eine Tür des Busses. Als sich ein 32-Jähriger einmischte, wurde er von Cihan und mehreren seiner Freunde angegriffen. Er wurde schwer im Gesicht und am Rücken verletzt. Er wird noch im Krankenhaus behandelt. Cihan D. flüchtete an der nächsten Haltestelle. An der Rübezahlstraße griff ihn aber eine Streife auf. Obwohl er bereits knapp 20 Mal der Polizei auffiel, überwiegend wegen Sachbeschädigung und Körperverletzung, entschied die Polizei, ihn wieder auf freien Fuß zu setzen. Er wurde nicht dem Haftrichter vorgeführt, da die Schwere der Tat dies nicht rechtfertige, hieß es.

Nach Angaben von Justizsenatorin Gisela von der Aue ist knapp die Hälfte aller 503 Intensivtäter derzeit im Heim oder im Gefängnis. Wie von der Aue weiter mitteilte, verurteilen Berliner Richter jugendliche Täter seit Eröffnung der Intensivtäterabteilung deutlich öfter zu Freiheitsstrafen und setzen diese seltener zur Bewährung aus. Dies habe eine interne Auswertung ergeben. Die meisten der zu 98 Prozent männlichen Täter sitzen in der Jugendstrafanstalt Berlin, die mittlerweile zu einem knappen Drittel nur mit Intensivtätern gefüllt ist. Über 50 der Serientäter sind derzeit in U-Haft, etwa ein Dutzend ist in Heimen untergebracht, in Berlin, Brandenburg und Thüringen. Für die sogenannte U-Haft-Vermeidung stehen Berlin 40 Plätze in Brandenburger Einrichtungen zur Verfügung.

Nun will EJF Lazarus, das auch Frostenwalde betreibt, wie berichtet, in der Uckermark einen Neubau für bis zu acht Kinder und Jugendliche zwischen zwölf und 16 Jahren errichten. Bislang legte EJF Lazarus beim Sprachgebrauch Wert darauf, dass es sich um eine „verbindlichere“, nicht aber um eine „geschlossene“ Unterbringung handele. Bei der Vorstellung des Projekts bezeichnete der Träger das Heim am Donnerstag aber als „geschlossen“, obgleich sich inhaltlich am Konzept nichts geändert hat. So sollen die bis zu 15 Pädagogen, Therapeuten und Lehrer nach richterlichem Beschluss Wohneinheiten zwischen zwei Wochen und sechs Monaten abschließen können. Praktiziert wird das schon jetzt im Brandenburger Heim Hasenburg. Im neuen Heim soll es keine Mauern geben, aber hohe Zäune. Der Bau werde rund eine halbe Million Euro kosten. Die CDU-Fraktion begrüßte das neue Projekt, die Arbeiterwohlfahrt kritisierte dagegen heftig, „schon Kinder einzusperren“.

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