Jugendgewalt : Orgie der Gewalt aus Frust und Langeweile

Am Silvesterabend 2008 misshandelten vier Jugendliche einen Mann im U-Bahnhof Haselhorst schwer. Jetzt stehen sie vor Gericht. Am Dienstag wurden in Marzahn zwei Jugendliche auf einem S-Bahnhof bedroht und beraubt. Weder CDU noch SPD wollen härte Strafen für gewalttätige Jugendliche.

Kerstin Gehrke,Werner van Bebber

Es hätte viel schlimmer ausgehen können. Ein 13-Jähriger und ein 19-Jähriger sind am Montagabend im S-Bahnhof Mehrower Allee in Marzahn-Hellersdorf von einer Gruppe junger Männer überfallen worden. Beide seien in den Würgegriff genommen, mit einem Messer bedroht, durchsucht und ihrer Mobiltelefone beraubt worden, sagte eine Polizeisprecherin. Der 13 Jahre alte Junge wurde leicht verletzt. Die neun Tatbeteiligten sollen zwischen 15 und 18 Jahre alt sein, hieß es. Der S-Bahnhof ist der Polizei nicht als krimineller Brennpunkt bekannt.

Wie leicht daraus eine Gewaltorgie hätte werden können, zeigt das Strafverfahren gegen vier junge Männer, das am Dienstag eröffnet worden ist. Sie sollen am letzten Tag des Jahres 2008 einen Mann in Spandau schwer misshandelt haben. Eigentlich waren Daniel S., Artur T. (19), Darjusch M. (18) und Anthony K. (17) auf dem Heimweg. Drei der Jugendlichen aus Spandau wollen betrunken gewesen sein. „Wir haben uns gegenseitig aufgeputscht, uns aggressiv gemacht“, sagte der älteste Angeklagte. An die Szenen auf dem Bahnhof könne er sich aber kaum erinnern. „Ich habe noch das Bild, wie ich in Bewegung bin, um zu treten.“

Aus Langeweile und Frust sollen sie in jener Nacht beschlossen haben, wahllos Leute anzugreifen. Gegen ein Uhr soll Gymnasiast Artur T. zum ersten Schlag ausgeholt haben. Es kam zu einer Rangelei. Es folgten Tritte in einem Waggon und auf dem U-Bahnhof Altstadt Spandau. Gegen 1.30 Uhr stiegen sie in Haselhorst aus. Dort saß auf einer Bank ein Mann. Er war eingenickt. Einer der Angeklagten sagte: „T. gab ihm zwei Klatschen, einfach so. S. dann auch.“ Ihr Opfer wollte nur weg. K. aber stieß ihn die Treppe herunter. „Er stand plötzlich hinter mir“, meinte der 17-Jährige. Als wäre der Stoß ein Versehen gewesen.

Als der Disponent wehrlos am Boden lag und sich schützend die Hände vors Gesicht hielt, hagelte es Tritte. M. soll dem Mann schließlich eine leere Wodkaflasche an den Kopf geworfen haben. Der zweifache Vater erlitt einen Schädelbruch und Hirnblutungen. Bis heute kämpft er mit den Folgen der schweren Verletzungen. Die vier Angeklagten hatten sich nach der Veröffentlichung der Videoaufzeichnungen vom Bahnhof im März gestellt. „Als ich die Bilder sah, war ich entsetzt“, sagte Artur T. Der Prozess wird am 22. September fortgesetzt.

Härtere Strafen für gewalttätige Jugendliche sind in der Berliner Politik nicht mehrheitsfähig. Justizsenatorin Gisela von der Aue halte es für wichtiger, möglichst früh alle Institutionen zusammenzubringen, die mit jungen Kriminellen zu tun haben, sagt ihr Sprecher Bernhard Schodrowski. Um auffällige oder straffällige Schüler müssten sich Jugendämter und Gerichtshelfer möglichst früh kümmern. Das Intensiv- und das Schwellentäter-Konzept zeigten, wie wichtig es sei, dass junge Kriminelle schnell und effektiv mit der Justiz konfrontiert würden.

Der CDU-Innenpolitiker Peter Trapp setzt auch nicht auf Strafverschärfung. Trapp weiß von einem Projekt der Treberhilfe für junge Straftäter, das zeige, wie wichtig die Vernetzung der Behörden sei. Das Jugendamt, die Polizei und die Gerichtshilfe überlegten gemeinsam, wie man etwa auf die Eltern gefährdeter Jungendlicher zugehen könne. Bei straffälligen Jugendlichen komme es darauf an, dass sie es möglichst schnell mit der Justiz zu tun bekämen, sagt Trapp.

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