Berlin : Jugendgewalt: Politiker sehen Schulen in der Pflicht

Berliner Abgeordnete debattieren über den Umgang mit Gewalttätern – und präsentieren unterschiedliche Ideen, wie man ihnen begegnet

Stefan Jacobs

Er bat sie, ihre Musik im Bus leiser zu stellen – und sie attackierten ihn mit einem Messer. Die Debatte um Zivilcourage hat an Fahrt gewonnen, seit Anfang der Woche ein 18-Jähriger lebensgefährlich verletzt wurde. Bedrohliche Szenen hat in der Berliner U-Bahn schon fast jeder erlebt und Dutzende Tagesspiegel-Leser haben die von hilfloser Empörung und Wut geprägte Realität beschrieben. Das Thema treibt die Berliner um wie kaum ein anderes. Aus der Politik aber war dazu bislang wenig zu hören. Grund genug, alte und neue Abgeordnete nach dem Umgang mit dem Problem zu fragen. „Der Schlüssel liegt in der Schule“, sagen alle. Doch sonst unterscheiden sich ihre Rezepte stark.

Christian Goiny (CDU) stellt klar: „Nicht der Einzelne muss Zivilcourage zeigen, sondern die Gesellschaft muss sich wehren.“ Desinteressierte BVG- oder Bahn-Leute seien ebenso demoralisierend wie schleppende Polizeiarbeit. Videoüberwachung aller Busse und Bahnen mache potenziellen Tätern das Leben schwerer. Er habe den Eindruck, dass in der Jugendhaft mehr Wert auf bessere Ausbildung von Straftätern als auf ihre vorzeitige Entlassung bei guter Führung gelegt werden müsse. Wer mit Mitte 20 aus der Haft entlassen werde, müsse Schulabschluss und Perspektive als Alternative zum Wiedereinstieg in die Kriminalität bekommen. Noch besser sei es, das Geld früher in Sportvereine zu investieren als später in die Polizei. Das sei dank vieler Ehrenamtlicher auch im überschuldeten Berlin bezahlbar.

Der Grünen-Fraktionschef und Innenpolitiker Volker Ratzmann will speziell Migranten über deren Autoritäten erreichen: Jeder Imam, der Gewalt beim Freitagsgebet thematisiere, sei ein Gewinn. Und wenn etwas passiere, „müssen wir sicherstellen, dass jene, die solche Vorfälle anzeigen, ernst genommen werden“. Gerade bei rechtsradikalen Angriffen würden jugendliche Opfer oft allein gelassen oder gar von den Tätern weiter bedroht.

Anders als seine Kollegen hält FDP- Fraktionschef Martin Lindner den Kampf um Zivilcourage nicht für eine Aufgabe der Politik. „Das Problem kommt aus der Mitte der Gesellschaft und muss auch dort gelöst werden“, sagt er. Vereine und Schulen sollten lehren, sich mit anderen gegen Radikale und Schläger zu verbünden.

SPD-Neuling Robert Schaddach gibt sich illusionslos: „Die Welt ist in den vergangenen 20 Jahren nicht friedlicher geworden – im Großen wie im Kleinen“, sagt er und regt deshalb Schulungen für potenzielle Opfer an. Dass praktisch alle Nutzer öffentlicher Verkehrsmittel geschult werden müssten, ficht ihn nicht an. Ihm schwebt ein Runder Tisch von Bahn, BVG und Sicherheitsbehörden vor – und eine Finanzierung etwa aus Lottomitteln. Auch die Täter will er im Auge behalten: über Schulen und per Videoüberwachung.

PDS-Innenpolitiker Udo Wolf berichtet, dass das Thema Video in den Koalitionsverhandlungen geprüft werde. Der Schlüssel aber liege in der Bildung. Ethikunterricht könne ein Forum sein, über den Umgang miteinander zu reden. Und bei aller Dramatik müsse klar sein, dass es um Einzelfälle gehe – angesichts vieler Millionen Fahrgäste, die unbehelligt blieben.

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