Jugendgewalt : Viele Hilfen, wenig Wirkung

Junge Gewalttäter hatten oft schon in der Schule Probleme – ihnen fehlt kontinuierliche Unterstützung. Der Kriminologe Claudius Ohder stellt in einer Studie dar, wie Schulversagen und Delinquenz miteinander zusammenhängen.

Werner van Bebber
Jugendarrest
Ausgesperrt. Die Probleme beginnen meist im ersten Schuljahr. -Foto: dpa

BerlinProbleme schon im ersten Schuljahr. Eltern, die das nicht wahrnehmen. Ärger mit den Lehrern. Kaum Freunde in der Schule. Der Wechsel auf die Hauptschule macht alles noch schlimmer. Nur kurz kann Cengiz T. seine Leistungen etwas verbessern – dann stellt er den Schulbesuch völlig ein. Er wird kriminell, begeht eine gefährliche Körperverletzung, muss die Schule verlassen. Andere schwere Straftaten kommen dazu. Der junge Mann, geboren 1988 in Berlin, heißt in Wirklichkeit nicht Cengiz, doch davon abgesehen erschien sein Lebenslauf dem Kriminologen Claudius Ohder typisch für eine Intensivtäterkarriere – so typisch, dass er am „Fallbeispiel Cengiz T.“ darstellt, wie Schulversagen und Delinquenz miteinander zusammenhängen.

Ohder behauptet in der Studie, die am gestrigen Freitag offiziell vorgestellt wurde, keinen zwingenden Zusammenhang zwischen dem Versagen des Schülers, dem Versagen der Schule und kriminellen Karrieren. Der Professor von der Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege, der seit Jahren die Straffälligkeit jugendlicher Gewalttäter erforscht, glaubt auch nicht daran, dass man spätere Intensivtäter schon in der Grundschule identifizieren kann. Nicht allein die Statistik, auch eine Serie von Einzelgesprächen mit kriminellen jungen Männern hat Ohder gezeigt, dass verschiedene Faktoren auf diese Täter einwirkten. Keiner dieser Faktoren ist entscheidend, keiner ist zwingend.

Dass die Mehrzahl jugendlicher Gewalttäter aus Einwandererfamilien kommt, sage etwas über Bildungsmöglichkeiten und Sprachdefizite. Oft seien die finanziellen Verhältnisse „desolat“ schreibt Ohder. Dass gewaltbereite junge Männer selbst mit Gewalt erzogen worden sind, ist in ihren Familien auch nicht selten. Einige Jugendliche erzählten dem Kriminalisten von Schwierigkeiten mit dem Vater, der keine Ahnung vom Leben in der Großstadt habe. Andere hörten von ihren Eltern offenbar nie ein Wort der Kritik, auch nach einschlägigem Ärger mit der Polizei nicht. Gerade die ersten Söhne in arabischen Familien, so Ohder, bekämen „keine Grenzen gesetzt“. Manche Familien sind dann auch erst spät oder gar nicht ansprechbar auf Hilfen des Jugendamtes oder der Schule.

Ohder hat in dieser Studie, wie in einem Teil der Auflage schon berichtet, vor allem die Einwirkungsmöglichkeiten der Schulen untersucht. Dabei hat er eine „Vielzahl von schulischen Fördermaßnahmen und Hilfen nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz“ festgestellt. Doch alle Maßnahmen, so Ohder, zeigten nur „geringe Wirksamkeit“. Der Vorsitzende der Landeskommission gegen Gewalt, Staatssekretär Thomas Härtel, schloss daraus, dass der Staat „schon im Rahmen der vorschulischen Erziehung und in der Grundschule“ reagieren müsse.

Ob das der richtige Schluss ist, bezweifeln zumindest die Jugendpolitiker der Opposition. Der CDU-Abgeordnete Sascha Steuer fragt: „Was soll die Schule noch alles leisten?“ Sicher müssten Lehrer aufmerksam und beim Schulversagen der Kinder ansprechbar sein. Aber einen „Therapieauftrag“ könne die Schule nicht übernehmen. Steuer hält die Studie für den Beweis dafür, dass es falsch war, in den vergangen Jahren die Hilfen zur Erziehung zu senken. Die Mitarbeiter der Jugendämter seien „völlig überlastet“. Die Grünen-Abgeordnete Clara Herrmann setzt vor allem auf „Vernetzung“. Alle, die mit der Erziehung schwieriger Kinder zu tun haben, von der Schule über das Jugendamt bis zur Polizei, müssten zusammenarbeiten. Die FDP-Abgeordnete Mieke Senftleben sieht in der Studie einen Hinweis darauf, dass Schulschwänzerei schon in der Grundschule auf andere Schwierigkeiten hinweise. Deshalb müssten die Lehrer darauf reagieren. Ohder selbst spricht von einer zu geringen „Betreuungskonstanz“: Schwierige Kinder brauchen über die Familie hinaus einen, der für sie zuständig ist.

Die Studie im Internet: www.berlin.de/lb/lkbgg/bfg/nummer_33.html

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben