Jugendhilfe : Wenn Kinder Kinder missbrauchen

06.09.2008 10:35 Uhr

Das Evangelische Jugend- und Fürsorgewerkes Lazarus bietet Hilfe für Kinder und Jugendliche an, die durch Die sexuelle Übergriffe aufgefallen sind. In Wohngruppen soll jungen Tätern geholfen werden, ein normales Verhältnis zu ihrer Sexualität aufzubauen.

BerlinDrei Jahre lang hat er seine kleine Schwester vergewaltigt. Die sexuellen Übergriffe begannen, als Sven (Name geändert) zwölf geworden war. Sein Opfer war damals vier Jahre alt. Heute lebt Sven in einer therapeutischen Wohngruppe (WG) für "sexuell übergriffige Kinder und Jugendliche" in Berlin. Hier soll er lernen, "eine normale Sexualität zu entwickeln und glücklich leben zu können, ohne andere zu verletzen", schreibt der Träger des Projektes, das Evangelischen Jugend- und Fürsorgewerkes Lazarus. Gestern trafen sich dessen Experten bei einer Tagung in Lichterfelde mit Kollegen aus ganz Deutschland, die ähnliche WGs betreiben.

Danach stellten sie gemeinsam fest: "Die Neigung zu sexuellen Übergriffen entwickelt sich meist schon im Kindesalter. Eine Therapie zu diesem Zeitpunkt ist weitaus erfolgversprechender als später bei erwachsenen Tätern."

Wer Kindesmissbrauch vorbeugen wolle, müsse deshalb frühzeitig an die Täter herankommen. Das ist laut Lazarus inzwischen einfacher geworden. "Das Thema ist weniger tabu, Nachbarn oder Lehrer sind eher bereit, ihre Beobachtungen anzuzeigen", heißt es – mit der Folge, dass heute bereits 25 Prozent der in Berlin angezeigten mutmaßlichen Täter Kinder, Jugendliche und Heranwachsende seien. Häufig sind diese noch nicht strafmündig. Die Jugendämter vermitteln sie mit ihren Eltern zu speziellen Beratern, beispielsweise zu den Anlaufstellen "Kind im Zentrum" von Lazarus, die eng mit den zwei WGs des Trägers für "übergriffige Kinder und Jugendliche" zusammenarbeiten.

Rückfälle sind selten

"Viele der jungen Täter wurden zuvor selbst missbraucht, sind stark verunsicherte Einzelgänger", sagt die Leiterin von "Kind im Zentrum", Sigrid Richter-Unger. Zu 90 Prozent handele es sich um Jungen, die Kleinere aggressiv sexuell angehen, bis hin zur Vergewaltigung.

In jeder WG leben 16 Jugendliche drei Jahre lang zusammen, dabei werden die 12- bis 15-Jährigen von Pädagogen betreut. Sie besuchen reguläre Schulen und haben Therapiestunden, "bei denen ihre Taten ungeschminkt thematisiert werden". Auch später hält Lazarus Kontakt zu den Jugendlichen. Rückfälle seien selten. Entsprechend groß ist die Nachfrage nach WG-Plätzen. Lazarus will das Projekt ausweiten, doch die Behörden zögern — sie scheuen die hohen Kosten. (CS)

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