Jugendkriminalität : Dealende Kinder führen Behörden an der Nase herum

Erneut wurde ein 13-Jähriger als Drogenhändler festgenommen. Die Union fordert mehr Kompetenzen für Jugendämter.

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Drogenhändler im Kindesalter, die mit der Polizei und den Jugendbehörden Katz und Maus spielen: Die Berliner CDU will das Problem nach den Sommerferien „zum Schwerpunktthema machen“. Das kündigte der Rechtsexperte der Union, Andreas Gram, am Freitag an. Er warf der Koalition und Innensenator Ehrhart Körting (SPD) schwere Versäumnisse vor. „Ich bin für die Einweisung in geschlossene Heime, auch ohne richterliche Genehmigung“, sagte Gram. Er will mehr Kompetenzen für die Jugendämter.

Die Kinder, bei denen es sich eigentlich um „ausgekochte Kerle, teilweise schon mit Bartwuchs“ handele, müssten ihrem Milieu konsequent entzogen werden, forderte der Christdemokrat. Sie bräuchten strenge pädagogische Maßnahmen und müssten „weit weg vom Schuss“ in Einrichtungen untergebracht werden, aus denen sie nicht wieder ausbüchsen könnten. Auch der innenpolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Björn Jotzo, plädierte für die „Unterbringung krimineller Kinder in geschlossenen Heimen in Brandenburg“. Die pädagogische Betreuung müsse aber im Vordergrund stehen. Offenbar handele es sich um „absolute Ausnahmefälle“, vor denen die Gesellschaft dennoch geschützt werden müsse.

Innensenator Körting hatte im Tagesspiegel ebenfalls gesagt, er wolle Heime, aus denen die Kinder nicht weglaufen könnten, „aber keine Kinderknäste“. Das Problem seien übrigens nicht einzelne Minderjährige, die allein und illegal nach Berlin eingeschleust wurden, sondern die Sprösslinge aus Großfamilien libanesisch-kurdischer Herkunft. Ausgelöst wurde die neue Diskussion über kriminelle Kinder, die noch nicht strafmündig sind von mehreren Festnahmen in den letzten Tagen.

Erst am Donnerstag hatte die Polizei einen 13-Jährigen beim Heroin-Handel in Kreuzberg erwischt – mit 600 Euro in der Tasche. Weil er nicht strafmündig war, wurde er dem Kindernotdienst übergeben. Doch schon am Abend meldete das Heim in der Gitschiner Straße das Kind erneut als vermisst. Ein elfjähriger Dealer wurde in den letzten Tagen elfmal beim Drogenhandel erwischt und musste wieder laufen gelassen werden. Er ist seit zwei Tagen untergetaucht. Eine gezielte Suche finde ohnehin nicht statt, sagte ein Polizeisprecher. Die Beamten würden lediglich einschlägige Treffpunkte überprüfen. Bisher erfolglos. Dabei machen sich die Kinder laut Polizei nicht einmal die Mühe, sich dem Zugriff zu entziehen. „Sie wissen ja, dass wir ihnen nichts anhaben können“, so ein Sprecher.

2009 wurden in Berlin 160 „minderjährige unbegleitete Asylsuchende“ registriert. In den Jahren davor waren es durchschnittlich über 400. Knapp zehn Prozent kamen laut Senatsstatistik als staatenlose Palästinenser aus dem Libanon. Gut die Hälfte der Neuankömmlinge war jünger als 16 Jahre. Aber das ist nicht der Personenkreis, der den Berliner Sicherheitsbehörden wirklich Sorgen macht. Schlagzeilen machen seit vielen Jahren Kinder und Jugendliche aus schwerkriminellen Großfamilien arabischen Ursprungs, die vorzugsweise in Neukölln, Wedding und Spandau systematisch Schutzgelderpressung, Drogenhandel, Raub, Diebstahl und Prostitution betreiben und sich gelegentlich Straßenschlachten liefern.

Dabei geht es „nur“ um etwa 15 Clans mit bis zu 300 Mitgliedern. Eine kleine Minderheit unter den Familien mit doppeltem Flüchtlingsschicksal. Arabisch sprechende Kurden, die teilweise schon nach dem Ende des osmanischen Reichs aus dem äußersten Südosten der Türkei in den Libanon kamen. Als dort der Bürgerkrieg losbrach, suchten viele ihr Heil in Deutschland und Berlin. Häufig ohne Papiere, die unterwegs „verloren“ gingen. Eine Ermittlungsgruppe „Identität“ des Landeskriminalamts und des Einwohneramts, die 2000 eingerichtet wurde, kümmerte sich um die wahre Identität der Großfamilien. Vorzugsweise der kriminellen, aber dann auch der unbescholtenen „türkisch-libanesischen“ Kurden. Das führte zum politischen Streit. 2008 wurde die Kommission auf Betreiben von SPD, Linken und Grünen aufgelöst.

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