Berlin : Jugendkriminalität: Polizei bittet Imame um Hilfe

Geistliche und Moscheevereine sollen helfen, junge Straftäter muslimischen Glaubens zu disziplinieren

Claudia Keller

Die Polizei will bei der Bekämpfung der Jugendkriminalität neue Wege gehen. Muslimische Straftäter sollen künftig mit Hilfe von Moscheevereinen wieder auf den richtigen Weg gebracht werden. „Wir reden immer von Integration und davon, dass wir die Probleme gemeinsam mit den Muslimen lösen müssen“, sagt Hartmut Koschny, der Leiter des Referats Verbrechensbekämpfung in der Polizeidirektion 5. „Bisher hat aber keiner wirklich versucht, soziale Verantwortung abzugeben,“ sagt der Beamte, dessen Direktion für Neukölln und Friedrichshain-Kreuzberg zuständig ist.

Koschnys Pläne sehen vor, dass Polizisten bei der Vernehmung der jugendlichen Straftäter künftig auch den religiösen Hintergrund erfragen und herausfinden, in welcher Moschee die Eltern beten. Diese Informationen will man an die Imame und Vorbeter weiterleiten. Sie sollen dann über den Glauben auf die Straftäter und ihre Eltern einwirken und ihnen klar machen, dass Straftaten nicht im Sinne des Islam sind.

Außerdem sollen muslimische Jugendliche, die als Strafe zu sozialer Arbeit verurteilt wurden, diese nicht mehr wie bisher in karitativen Einrichtungen der Kirchen ableisten, sondern verstärkt in den Moscheevereinen. Dadurch könne der Vorbeter oder der Imam über längere Zeit einen positiven Einfluss auf die Jugendlichen ausüben.

Bei den muslimischen Organisationen stoßen die Pläne auf große Zustimmung, sagt Koschny. Unter anderen wollen die Türkische Gemeinde, die Ditib, die Islamische Föderation und das Islamische Kultur- und Erziehungszentrum (IKZ) mitmachen. „Das ist eine sehr gute Sache“, sagen Raed Zaloum vom IKZ und Burhan Kesici von der Islamischen Föderation. Die Vorbeter würden große Autorität bei den Gläubigen genießen und hätten Einfluss. Das Projekt zeige außerdem, dass die Muslime als Partner akzeptiert würden. „Wir sind Teil der Gesellschaft mit Rechten und Pflichten. Wenn die Polizei um Unterstützung bittet, ist es für uns selbstverständlich zu helfen“, sagt Zaloum.

„Die Luft brennt“, sagt Koschny. Die Jugendkriminalität nehme zu, die bisherigen Methoden der Polizei seien offenbar nicht wirksam genug. 2004 wurden in Neukölln, Kreuzberg und Friedrichshain 80 000 Straftaten begangen. 37 Prozent der ermittelten Tatverdächtigen haben keinen deutschen Pass, die meisten sind Türken, Araber und Libanesen. Unter ihnen sind 1150 Jugendliche unter 18 Jahren. Sie sind die Zielgruppe der neuen Polizeistrategie.

Koschny hat seine Pläne zusammen mit der Jugendgerichtshilfe und anderen Arbeitsgruppen innerhalb der Berliner Polizei entwickelt, die schon seit Jahren Kontakte zu Moscheen aufgebaut haben. Auch der Verfassungsschutz wurde in die Überlegungen eingebunden, um zu verhindern, dass man mit Moscheevereinen zusammenarbeitet, die die Kooperation zur Verbreitung extremistischen Gedankenguts nutzen könnten. Genau das fürchten etliche seiner Mitarbeiter, sagt Koschny. Natürlich gebe es einzelne Moscheen, die für das neue Projekt nicht in Betracht kämen, sagt der Kriminaldirektor. Aber die Mehrheit der Vereine lebe nach hiesigem Wertesystem und sei geeignet, soziale Verantwortung zu übernehmen. Um Befürchtungen zu entkräften, soll das Pilotprojekt innerhalb des nächsten halben Jahres zunächst mit einer Hand voll muslimischer Dachorganisationen starten.

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