• Jugendliche Lehrstellenbewerber aus dem Ostteil schneiden nicht mehr durchweg besser ab als ihre Konkurrenten aus dem Westen

Berlin : Jugendliche Lehrstellenbewerber aus dem Ostteil schneiden nicht mehr durchweg besser ab als ihre Konkurrenten aus dem Westen

Jeannette Goddar

Rein statistisch bekommen sie in der Realschule und auf dem Gymnasium die besseren Noten und bleiben seltener sitzen - eine Lehrstelle bekommen sie deswegen aber noch lange nicht. Bei den Einstellungstests der Betriebe setzt sich das bessere Abschneiden von Jugendlichen aus dem Ostteil zehn Jahre nach dem Mauerfall nicht mehr fort.

"Anfang der 90er schnitten die Bewerber aus dem Osten deutlich besser ab", konstatiert Ralph Rohde, Leiter der Zentralen Ausbildung der Schering AG, "heute hat sich das fast nivelliert." Vor allem in den sogenannten Kulturtechniken - Lesen, Schreiben, Rechnen, - habe es jahrelang große Unterschiede gegeben. "Stattdessen schlägt das Pendel manchmal schon in die andere Richtung", beobachtet Rohde heute, "so stellen wir immer wieder fest, dass ein Brandenburger Abitur oft nicht viel wert ist." In punkto Abitur wiederum fällt Rohde noch ein weiterer Unterschied zwischen Ost und West auf: "Es bewerben sich mehr Abiturienten aus dem Ostteil. Offensichtlich ist der Hang zu einer Ausbildung statt oder vor dem Studium dort noch ausgeprägter."

Ulrich Siegener, Ausbildungsleiter für mechanische Berufe bei Siemens, konstatiert noch immer "geringe Unterschiede bei den naturwissenschaftlichen Vorkenntnissen." Bei der Rechtschreibung hingegen hätte sich die Fehlerquote bei den hausinternen Eignungstests inzwischen angeglichen. "Offenbar hat die Öffnung der Mauer in den Köpfen auch bei Lehrern und Schülern Wirkung gezeigt", so Siegener.

Neben der mangelnden Rechtschreibung beklagt Siegener vor allem die gravierenden Mängel der Bewerber bei Grundrechenarten. "In kaufmännischen Berufen ist das ein echtes Problem." Auf der Strecke blieben so in der Regel die, die sich zu spät bewerben oder schlechte Testergebnisse abliefern: Alleine in diesem Jahr bewarben sich bei Siemens knapp 1600 Jugendliche auf 150 Lehrstellen. Landesweit waren in Berlin Ende Juni noch 13 000 Jugendliche ohne Lehrstelle.

Von Seiten des Landearbeitsamtes beobachtet man allerdings auch in diesem Jahr wieder, dass immer noch einige Arbeitgeber Bewerber aus dem Ostteil bevorzugten. "Bei einigen hat sich die Meinung, sie seien besser qualifiziert, schon verfestigt", sagt Bernhard Jenschke, Abetilungsleiter der Berufsberatung und Ausbildungsvermittlung. Auch Jenschke bestätigt, dass es lange deutliche Unterschiede gab. "Auf Arbeitstugenden wurde in der DDR viel Wert gelegt", so Jenschke, "bei Routinefragen nach Dreisatz und Prozentrechnungen kamen da die Antworten oft schneller."

Andererseits sei bei Bewerbern aus dem Westteil die Fähigkeit zur Diskussion sowie das analytische Denken immer ausgeprägter gewesen. So wertet Jenschke auch die Tatsache, dass laut Langzeituntersuchungen die Fertigkeiten in den Kulturtechniken leicht abnehmen würden, nicht nur negativ. "Dafür sind kommunikative Fähigkeiten heute stärker ausgeprägt, das ist auch eine wesentliche Qualifikation."

Ulrich Heuke vom Elektronikunternehmen Visolux und Initiator des Verbundes "Kreuzberger Kreis", der Ausbildungsplätze für sozial benachteiligte Jugendliche bereitstellt, beobachtet außerdem, dass auch die Unterschiede zwischen einzelnen Bezirken enorm seien. "Ein Kreuzberger Abschluss ist mit einem Steglitzer überhaupt nicht vergleichbar", so Heuke. Das wiederum sei angesichts der sehr viel schwierigeren Sozialstruktur in Kreuzberg auch nicht überraschend. "Um überhaupt einen Teil der Klasse zu motivieren, müssen schon die, die regelmäßig kommen, gelobt werden. Das schlägt sich auch in Zensuren nieder. In Zehlendorf haben sie das Problem nicht."

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