Berlin : Jugendliche und die Terrorangriffe: Plötzlich ist die schöne Welt weggerutscht

Christine-Felice Röhrs

Erst skeptisch, dann sexuell befreit, später null Bock. Jede neue Generation von Jugendlichen bekommt ein Etikett verpasst. Heute ist es: "Politikverdrossen" und "Spassfixiert". Doch nach den Terrorattacken auf das World Trade Center haben die so Etikettierten ihre Kritiker überrascht: Jugendliche durchwachten trauernd die Nacht, standen stundenlang am Kondolenzbuch an. Zehntausende waren erschüttert und zeigten es. Auch während der Kundgebung am vergangenen Freitag. Lange hielt da ein Kameramann drauf auf das Gesicht eines Mädchens, vielleicht 20 Jahre alt. Sie weinte und wischte die Tränen nicht weg. Woher rührt solche Betroffenheit? Ist sie geeignet, die Generation Spaß ernsthafter werden zu lassen? Gibt es die überhaupt?

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Chronologie: Die Anschlagserie gegen die USA "Uns geht es wirtschaftlich viel besser als unseren Eltern und wir hatten keinen Krieg bisher, kein Wunder, dass wir denken, das Leben ist schön und wir können es steuern, wie es uns passt", sagt Laural Ryan. Die 24-jährige Neuseeländerin hat gerade das Blumenmeer an der amerikanischen Botschaft fotografiert. Irgendwie hat sie hier die Bestätigung gesucht, dass alles wahr ist, was sie am Dienstag im Fernsehen gesehen hat. Da war ihre schöne Welt, die sie unter Kontrolle zu haben glaubte, ausgerutscht.

"So einen Schreck habe ich noch nie gefühlt", sagt sie. Was dem bisher am nächsten gekommen sei? Vielleicht der Tod der Großmutter. Ähnlich endgültig. Bisher waren Verliebtheit und Liebeskummer die Empfindungsgrenzen. Jetzt sind plötzlich wildere Emotionen - "Patriotismus, Wut!" - da. "In der Größe sind sie neu für mich" sagt Laural.

Zu große Gefühle? Am ersten Tag habe er gar nichts realisiert, nur Fotos von seiner Besteigung der Twin Towers rausgekramt, sagt Dominik Strobl, 21, Industriemechaniker. Am zweiten Tag: "Leere. Komisch." Resultiert aus der Wucht der Gefühle, die Unfähigkeit sie auszudrücken? "Die Stimmung war gut im Eimer", sagt Dominics Freund Volker Niederführ, 22, VWL-Student, und grinst verlegen. Über "Trauer und so" will er sich gar nicht erst auslassen. Ganz rational sagt er, "Einzelne können nichts tun, außer demonstrieren." Hat er? "Nein."

Elke Buscher, 23, hat jedoch das Bedürfnis gefühlt, etwas, irgendetwas zu tun. In Rom war sie, als sie von den Terrorattacken hörte und besuchte abends gleich die Demo am Colosseum. Zwei Tage später begann sie in Berlin mit der Wohnungssuche. Seit vier Tagen hat sie die Nachrichten nicht mehr verfolgt. Persönliches hat Vorrang. Auch eine Möglichkeit, die bedrohliche Realität nicht allzu nah an sich heran zu lassen.

"Ich kann mich nicht ausnehmen, wenn von der Spaßgesellschaft die Rede ist. Vor allem, wenn damit gemeint ist, dass man ernsthafte Beschäftigung mit der Politik eher von sich schiebt", gibt auch Zoya Motalebsade, 21, zu. Gerade sitzt sie im Innenhof der Humboldt-Uni und will sich einschreiben für ein Studium, es sollte mal Orientalistik sein, aber das hat sie sich jetzt anders überlegt. Krieg kennt die Iranerin zur Genüge. Der Vater musste aus dem Iran flüchten, da war Zoya sieben. "Ich weiß besser als meine deutschen Freunde, wie schnell man sein Zuhause verliert. Aber eigentlich will ich gerade jetzt nicht daran denken." Deshalb geht sie nach wie vor aus. An dem Dienstag hat sie sogar zuerst gelacht, als sie die Fernsehbilder sah. Als hätte das alles entschärfen können.

Von einer homogenen Generation Spaß ist also nichts zu sehen. Das bekräftigt auch Hans Merkens, Jugendforscher an der Freien Universität. Wie die Jugendlichen tätsächlich sind, das weiß auch er nicht, schließlich habe er sie wie alle Jugendforscher immer nur gruppenweise unter die Lupe genommen. Eines sei aber sicher: "Beim Gros der Jugendlichen wird die heftige Reaktion bald abklingen." Nur wenige werden ihren Lebenslauf ändern. "Einige so, wie es die Gesellschaft als wünschenswert ansieht". Andere werden problematisch reagieren, wie nach der Ermordung von Benno Ohnesorg, als Jugendliche zu radikalen Linken wurden. Aber gerade jetzt, im Stadium zwischen Ereignis und Konsequenz, sei die deutsche Jugend eine ernsthafte Jugend.

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