Berlin : Julia Pickel, geb. 1941

Ulrike Demmer

Sie hätte sich gerne noch mal verliebt. Nicht in einen Mann. Bei Frauen fühlte sie sich wohler. Die Frau fürs Leben hatte sie nie gefunden, in den letzten Jahren auch nicht mehr gesucht. Sie tauchte lieber in der Gruppe unter, das war anonym und doch vertraut. Da musste sie nicht so viel preisgeben. Nur für andere hat sie sich immer interessiert. Es gab viele Freundinnen und Frauengruppen, mit denen sie getrommelt, gesungen und getanzt hat. Als sie im Januar erfuhr, dass sie krank ist, wäre es aber doch schön gewesen, jemandem ganz nah zu sein. Das Kribbeln im Bauch hätte vielleicht geholfen, den Krebs zu bekämpfen.

Über jemanden, der sich nicht öffnet, der seine Bedürfnisse nicht äußert, seine Träume nicht kennt, über den lassen sich viele Vermutungen anstellen. Julia hat etwas gesucht. Das sagen alle. Wonach, das wusste sie vielleicht selbst nicht so genau. Ihr Lieblingswort war aber - diese kleine, nagende Unzufriedenheit, immer präsent. Nichts, das sie lähmte, eher ein Druck, der sie 60 Jahre in Bewegung hielt.

Als kleines Kind braucht es nicht viel, um glücklich zu sein. Das Leben mit Mutter und Oma in der Schweiz ist schön. Nach dem Krieg werden Pädagogen gesucht, sie wird im Schnelldurchlauf Dorfschullehrerin. Die Eltern der Schüler versuchen, sie mit Wurst und Eiern zu bestechen, um die Noten ihrer Kinder zu verbessern. Diese Nähe gefällt ihr nicht. Sie geht nach Berlin und wird Architektin. Doch Anfang der Achtziger gibt es in der Inselstadt nicht mehr viel zu tun für Architekten und Stadtplaner. Ihre Entwürfe entwickeln sich zu Hochglanz-Broschüren, gebaut werden Julias Werke nie.

Sie ist 42. Das kann nicht alles gewesen sein. Da kommt das Projekt mit Annette gerade recht. Annette ist ihre beste Freundin und Nachbarin. Seit Jahren gehen die Frauen zum Uni-Sport, um sich fit zu halten. Bewegte Zeiten, als die Männer nach dem Sport unter die Damen-Dusche springen. Damals ganz selbstverständlich. Total locker. Für Julia und Annette ist es nur nervig. Beschweren können sie sich allerdings nicht, schließlich setzt man sich über spießige Regeln hinweg. Wer wollte da schon unlocker sein. Daran gewöhnen können sie sich aber auch nicht. Die einzige Lösung: ein Fitnessstudio für Frauen. Die Frauenbewegung hat so etwas bisher nicht hervorgebracht, also gründen Annette und Julia eins: "Außer Atem", das erste Frauensportzentrum in Berlin. Julia, die Architektin, kümmert sich um den Umbau der Fabrik-Etage in Schöneberg, Annette organisiert erst das Geld und später die Kurse.

Die Kundenbetreuung teilen sie sich. Aber für Julia ist das anstrengend. Sie kümmert sich lieber um das Ambiente und die Atmosphäre bei "Außer Atem". Sie montiert die Lampen, am Empfang stehen immer frische Blumen. Von nörgelnden Kursteilnehmerinnen fühlt sie sich schnell in die Ecke gedrängt. Die Geschäftsführerin rechtfertigt sich, ohne es zu müssen. Spitze Ellenbogen hat Julia nicht. Nicht einmal in der Trommelgruppe schlägt sie fest auf die Instrumente. Berlin, die Großstadt, ist vielleicht doch nicht das Richtige.

So oft es geht, organisiert sie Ausflüge ins Grüne. In der Natur fühlt sie sich wohl. Da hat sie keine Angst. Fahrradfahren, wild campen und Feuerchen machen - im Freien wird aus der schmalen, fast zarten Frau eine Abenteuerin. Von der lebensgefährlichen River-Rafting-Tour erzählt sie auch Jahre später noch gern.

Viel Urlaub hat sie immer schon gemacht. Irgendwann werden die Reisen länger. Annette hat nichts dagegen, das Fitnessstudio läuft ohnehin wie von selbst. Nach drei Monaten auf den Philippinen bei einem Geistheiler kommt sie nur kurz zurück, um nach dem Rechten zu sehen. Sie hat die Spiritualität für sich entdeckt und verschwindet sofort wieder für weitere drei Monate. Nach Schottland fährt sie mehr als zwei Mal. In Findhorn, einer kleinen spirituellen Gemeinde im Norden Schottlands, scheinen alle auf der Suche zu sein. Hier sind Ellenbogen nicht gefragt. In Findhorn gibt sich jeder Mühe mit seinem Nächsten. Julia kann im Garten arbeiten und hat Gesellschaft, so viel oder so wenig sie will. Auch diese Aufenthalte gehen vorbei. Sie fliegt nach Italien, Spanien und Hawaii. Unterwegs ist alles so unbeschwert. Aber immer muss sie zurück nach Berlin.

Dann hat sie Blut im Stuhl, im Januar während eines Urlaubs auf Gomera. Eine Bekannte spricht von Darmkrebs - und Julia weiß, sie hat es. Nach der Operation kommen die Freundinnen zu Besuch. Julia muss weinen. Keine der Frauen darf im Zimmer bleiben. Annette kennt Julia seit 28 Jahren. Nie hat sie ihre Freundin weinen sehen.

Für das Prickeln im Bauch konnte Julia niemanden mehr finden. Die Zeit war zu kurz. Dafür gab es in den letzten Monaten eine Freundin zum Zuhören, eine andere zum Füttern und wieder eine andere zum Spielen. Wie ihr Kind haben sie sie gepflegt, und sie hat es genossen. Angst vor dem Tod hatte sie nicht. Julia hat sich gefreut - auf etwas Neues, etwas, das danach kommt. Die Suche hatte endlich ein Ende.

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