Berlin : Julio Garcia-Santana (Geb. 1957)

Aber er lässt sich nicht gehen

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Er spricht sie an, einfach so, ohne besonderen Spruch. Wie die Männer in Puerto Rico es tun, wenn ihnen eine Frau gefällt. 1986 ist das, auf einem Willie-Colón-Konzert im Tempodrom. „Da hatte ich so einen Stich im Herzen“, sagt Angelika. Er fragt sie, ob sie einen großen Salat mag. Mit Ei, Schafskäse, Thunfisch, Tomate, Paprika und viel Knoblauch. Sie verabreden sich. „Er hat sich durch Kochen in mein Herz geschlichen.“ Und durch Tanzen. Sie mag Walzer und Foxtrott, ihm liegen Salsa und Merengue. Ihr ist, als sei Julio schon immer da gewesen, dieser athletische Latino mit der großen Brille und den dunklen Augen dahinter.

Gut, dass Julio in Zivil zum Konzert gekommen ist, sonst wäre er abgeblitzt. „Ich hätte nie mit GIs angebandelt, die wollten sich nur vergnügen.“ Julio nicht. Hinter seiner karibischen Leichtigkeit steckt etwas Schweres. Angelika spürt: Der will nicht spielen, jedenfalls nicht nur. Er hat schon eine Ehe hinter sich und ist Vater einer Tochter. Die Army hat ihn nach Bamberg, Hof und jetzt nach Berlin geschickt als „Fachmann an der Feuerwaffe“, Panzerfahrer und Kfz-Mechaniker.

Sie gehen zu Lionel Richie in die Deutschlandhalle, zu Rod Stewart und Joe Cocker in die Waldbühne. „Später aber nicht mehr“, sagt Angelika, „da hat das Geld nicht mehr gereicht. Im Fernsehen hat man die ohnehin besser gesehen als in der Halle. Auch wenn man in der Halle ein besseres Gefühl hatte.“

Da ist er schon aus der Army ausgeschieden. Er repariert Klimaanlagen, bis er einen Bandscheibenvorfall bekommt und nicht mehr Hand über Kopf arbeiten kann. Dann verkauft er Alarmanlagen. Dann macht er eine Netzwerkerausbildung. Dann trägt er Post aus. Dann versucht er es in einem Callcenter. Aber er findet keine feste Stelle. Mit Unterbrechungen ist er seit 1993 arbeitslos.

Er kocht für Angelika und ihren gemeinsamen Sohn Ramon Andreas: Reis mit Speck, Kidneybohnen in Tomatensoße, Chili con carne. Er guckt viele Kochsendungen. Er skypt mit seinem Cousin in Florida. Er quatscht an der Haustür mit den Zeugen Jehovas. Die haben spanischsprachige Lektüre dabei, aber sie richten nichts bei ihm aus. Er hört lateinamerikanische Musik, Felipe Pirela, Ricky Martin, Johnny Ventura. Er züchtet Bananenbäumchen und Chilipflanzen auf der Terrasse. Die gehen ein. Seine Haare ergrauen, er wird breiter und trauriger.

Aber er lässt sich nicht gehen. Gräbt eine Wiese um und sät Gras, um mit den Veteranen von den „Brew Bears“ Softball zu spielen. Und er zeigt Zivilcourage. Er geht dazwischen, als Betrunkene einen Mann verprügeln. Er stellt Jugendliche zur Rede, die Autos besprühen. Und er findet einen Ein-Euro-Job an der Hermann-Schulz-Grundschule. Dort ist er morgens der Erste und abends der Letzte, der Mann für alle Fälle. Er ist Schülerlotse und bildet selber welche aus. Er installiert und betreut die Computer. Schüler, die eine Strafe abzusitzen haben, nimmt er mit in den Computerraum und zeigt ihnen Lernspiele. Nach dem Unterricht stellt er die Stühle auf die Tische, damit es die Putzfrau leichter hat. Dann läuft die Arbeitsbeschaffungsmaßnahme aus. Dann macht er ehrenamtlich weiter. Dann hat er einen Herzinfarkt.

Die Klasse 5a schreibt auf einer Karte: „Liebe Frau Garcia, Herr Garcia war immer nett zu uns und wir sind traurig, dass er nicht mehr bei uns ist. Er hat mit uns immer schöne Sachen gemacht wie zum Beispiel aufgepasst, dass uns nichts passiert vor der Schule. Wir hatten immer viel Spaß mit ihm. Liebe Grüße von der Klasse 5a.“ Andreas Unger

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