Berlin : Jung genug für den nächsten Anfang

Nach dem Berufsleben suchen sich viele Menschen eine neue Aufgabe. Vier Berliner berichten

Annette Kögel

Was Udo Jürgens mal gedichtet hat, davon können diese Berliner wahrlich ein Lied singen: Manchmal fängt das Leben mit 66 Jahren noch mal an. Viele starten erneut durch, suchen sich eine neue Aufgabe oder realisieren lang gehegte Träume. Vier Berliner berichten über ihr aktives Alter.

Ilse Kusch, 74, Sängerin:

Ich habe Glück und immer noch kaum graue Haare. Ich mache Fitness und jogge. Die Leute bewundern das eher, als dass sie sagen: Dafür bist du doch zu alt. Am meisten gehe ich aber im Singen auf, das habe ich im Alter entdeckt. Ich singe im „Goldie Schlagerchor“ Hits der 20er Jahre bis zur Filmmusik aus den 60ern. Singen, das ist unheimlich befreiend, da vergisst man alle Sorgen. Und es ist Gehirntraining, weil wir alles auswendig lernen. Uroma bin ich schon, Ururoma will ich noch werden. Und mein Mann sagt, „du bist so jung, du hast bestimmt auch noch ’nen Lover“.

Anneliese Marie Wilhelmine Breuer, 94,

Rezeptionistin:

Ich arbeite im Alten- und Selbsthilfezentrum des Sozialwerks Berlin in Grunewald an der Rezeption. Nehme Anrufe entgegen, empfange Besucher, beantworte Fragen. Ich bin ja schon 35 Jahre hier beim Sozialwerk engagiert, bis vergangenes Jahr habe ich vor allem die Menschen in Heimen besucht, habe auch Weihnachtsfeiern und Dampferfahrten organisiert. Hier an der Rezeption bin ich ein- bis dreimal die Woche, und das klappt auch gut, ich habe ja ein Hörgerät. Nochmal jung sein? Da würde ich sagen: Jein. Es war ja nicht immer alles leicht. Aber eines würde ich mir wünschen: Dass mein Mann noch leben würde, denn wir hatten so viele gemeinsame Interessen. Er ist 1983 gestorben und wäre heute 103 Jahre alt. Ach, wissen Sie was: Ich mache das hier, weil ich es todlangweilig fände, die ganze Zeit zu Hause zu sitzen.

Wolfgang Huth, 64, Model:

Die Jacke von „Armani“, die Jeans von „Cavalli“ – ich mache gern etwas aus mir. Ich bin Sportler, schon immer gewesen, 600 Bauchmuskelübungen am Tag, alles kein Problem. Ich habe früher auch Leistungssportler trainiert. Jetzt bin ich auf Altersteilzeit, war davor Grundschullehrer in Neukölln. Vor kurzem habe ich bei der Berliner Agentur Senior-Models angefangen, von denen hatte ich gehört und mich einfach beworben. Da muss man ein Typ sein, einfach locker sein. Meine Agentin hat mir schon einige Aufträge vermittelt. Neulich habe ich was gemacht für das Bundesministerium für Arbeit: ein schönes Plakat für die Aktion „Fünfzig plus“. In einem Fernsehspot in ARD und ZDF war ich auch schon zu sehen, da bin ich in einem Werbespot als Konditormeister aufgetreten. Ich sage Ihnen, 50 Mal in einen Keks beißen und wissend den Kopf wiegen – ja, der schmeckt gut – da steckt harte Arbeit dahinter. Um vier Uhr aufstehen, stundenlang drehen, für zwei Sekunden im Spot, das glaubt einem ja keiner. Eigentlich bin ich Allrounder. Spielen Sie mir Mozart vor, ich singe Ihnen das nach und dirigiere das nach drei Tagen. Ich will noch zur Senioren-Schwimm-WM. Und am liebsten mal Werbung für einen Männerduft machen, so im Halbprofil. Ich bin mal dem Tod von der Schippe gesprungen, und seitdem gebe ich richtig Gas.

Jutta Jansen, 68, Senior-Expertin:

Ich würde gern anderen Frauen Mut machen, sich zu engagieren. Meine Erfahrung ist aber, dass Männern der Umstieg in die Rente schwerer fällt, weil sie oft mehr auf ihren Job fixiert sind. Bei mir war das so: Ich bin mit 63 Jahren freiwillig in den Ruhestand, weil ich das Gefühl hatte, meine Zeit als Lehrerin am Lette-Verein ist vorbei. Ich habe mich dann einfach als Freiwillige beim Senior Experten Service (SES) gemeldet. Vierzehn Tage später klingelt das Telefon: Wir brauchen eine Schneidermeisterin für Taschkent, Usbekistan. So bin ich nochmal in eine völlig andere Welt eingetaucht, war jetzt schon viermal da, habe immer bei den Leuten zu Hause gelebt. Die Frauen sind so offen und sympathisch. Gerade wohnt auch eine junge Frau aus Usbekistan bei mir, sie studiert hier in Berlin. Mich hat das ungemein bereichert.

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