Berlin : Jung, gewalttätig, aus schwierigen Verhältnissen

Studie über Serientäter: Nicht die ethnische Herkunft, sondern soziale Gründe sind entscheidend, wenn Jugendliche in die Kriminalität abdriften

Werner van Bebber

Die meisten Intensivtäter kommen aus Familien, in denen die Eltern mit den Erziehungsaufgaben überfordert waren. Das verbindet Intensivtäter deutscher Herkunft mit denen aus Migrantenfamilien. Der Faktor „Vernachlässigung“ ist offenbar entscheidend für die kriminellen Laufbahnen von Jugendlichen, die wegen besonders vieler oder besonders brutaler Taten der Polizei aufgefallen und deshalb in die Intensivtäter-Kartei der Staatsanwaltschaft aufgenommen worden sind. Das hat eine Studie des Kriminologen Claudius Ohder von der Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege ergeben.

Ohder hat über 260 Täterakten der Abteilung 47 der Staatsanwaltschaft ausgewertet, die für die Verfolgung dieser Tätergruppe gegründet worden ist. Etwa 70 Prozent der Täter kommen aus Migrantenfamilien. Doch wichtiger als die Tatsache, dass ein Elternteil nicht die deutsche Staatsbürgerschaft hat, ist für Ohder etwas anderes: Die Eltern der späteren Intensivtäter kommen „aus prekären Verhältnissen in prekäre Verhältnisse“. Sie kommen zum Beispiel vom Balkan und haben dort den Bürgerkrieg überstanden. Oder sie kommen aus palästinensischen Lagern. Oder sie haben als Kurden Unterdrückung in der Türkei oder in Irak erlebt. Statistisch selten sind die Täter, die den polizeibekannten arabischen Großfamilien entstammen.

Die Folgen dieser „prekären Verhältnisse“ zeigen sich in Gestalt psychischer Leiden: Wenn Eltern mit eigenen Lebensproblemen beschäftigt sind, können sie sich weniger um ihre Kinder kümmern. Eine Erfahrung, die jugendliche Kriminelle nichtdeutscher und deutscher Herkunft verbindet: Letztere kommen, wie Ohder den Akten entnommen hat, oft aus Familien, in denen eine Frau vier Kinder von vier verschiedenen Männern hat. Wie überfordert solche Eltern sind, zeigt sich schon, wenn ihre Kinder auf der Schule Schwierigkeiten haben – oder die Schule schwänzen. Mit zunächst banalen Problemen beginnen die Intensivtäter-Lebensläufe fast immer, das Ergebnis aber sei schon auf den Schulen fast immer „verheerend“, sagt Ohder.

Was folgt, muss nicht, kann aber eine kriminelle Entwicklung begründen – bei deutschen wie auch nicht-deutschen Jugendlichen: Größere Schwierigkeiten an der Schule, Bildungslücken, das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Anerkennung, das die gleichaltrigen Kumpels auf der Straße eher erfüllen als die Eltern, Kiffen in verschärftem Maß; fast jeder Intensivtäter habe ein Drogenproblem. So brutal viele Intensivtäter seien, sagt Ohder – bei dem, was die Intensivtäter tun und was sie in Haft bringt, handele es sich nicht um eine „eigene Form der Kriminalität“. Eher zeigt sich an jeder dieser Intensivtäter-Akten, dass irgendwann – und ziemlich früh im Leben – kein Lehrer, kein Mitarbeiter eines Jugendamtes, kein Sozialarbeiter diese Problemjugendlichen und ihre Familien erreicht habe.

Das liege oft daran, dass diese sich abschotteten. Bei den nichtdeutschen Straftätern kommen Sprachprobleme dazu. Gefordert seien nicht nur Behörden, meint Ohder, auch die Migranten-Communities: Sie müssten ihren Leuten deutlich machen, dass Abschottung nichts hilft und die Identifizierung bestimmter Nationalitäten mit der Jugendkriminalität auf alle zurückfalle. Sie müssten Verantwortungsgefühl und Selbstbewusstsein entwickeln – wie die Minderheiten in den USA.

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