Berlin : Jung, hochgebildet, Westler - und PDS-Wähler

Stephan Wiehler

Das Leben im Osten färbt ab - und zwar sozialistisch rot. So zumindest sah es CDU-Generalsektretär Joachim Zeller nach dem Wahldebakel seiner Partei. Das Wahlergebnis im Ostteil, das der Union gerade einmal 12,7 Prozent einbrachte und die PDS mit 47,6 Prozent zur stärksten Kraft machte, ist für den ehemaligen Bezirksbürgermeister von Mitte ein eindeutiges Zeichen für die trotz angeglichener Lebensverhältnisse weiterhin äußerst unterschiedlichen Mentalitäten in Ost und West. Vertieft haben die Gräben nach Ansicht Zellers neben jungen Wählern auch die zahlreichen Neuberliner, die sich für Gysi und Genossen entschieden haben. In diesen Kreisen, die sich häufig im östlichen Citybereich ansiedelten, gelte es gewissermaßen als schick, PDS zu wählen, beklagte sich Zeller. "Das sind nicht nur Studenten."

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Wahlforscher können Zellers These nicht belegen, die Ergebnisse ihrer Untersuchungen zeigen ein anderes Bild. Im Ostteil der Stadt haben die Neuberliner, die seit 1990 in den Ostteil gezogen sind, am Sonntag für die Fortsetzung der rot-grünen Koalition votiert - und zwar deutlich. Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Infratest dimap stimmten Westler im Ostteil mit 27 Prozent für die SPD, zweitstärkste Partei wurden die Grünen mit 25,5 Prozent. Die PDS kam bei den Zugezogenen aus dem Westen nur auf 19 Prozent. Die CDU kam bei dieser Wählergruppe auf elf und die FDP auf zehn Prozent. Für Richard Hilmer, den Geschäftsführer von Infratest dimap kein ungewöhnliches Stimmungsbild: "Es sind vor allem junge und hochgebildete Wähler, besonders viele Studenten, die aus dem Westen in den Ostteil gezogen sind. Die haben per se eine gewisse Präferenz für die Grünen, sagt Hilmer. "In dieser Gruppe ist die CDU auch im Westen schwach vertreten." Grafik: Wählerwanderungen in Berlin Obwohl die PDS im Ostteil besonders bei den Jungwählern unter 30 Jahre überdurchschnittlich zugelegt hat, nämlich um rund 13 Prozent, zeige sich nicht nur an diesem Ergebnis, dass die Zuzügler aus dem Westen auch im neuen Lebensumfeld an ihrer grundsätzlichen Parteienpräferenz festhielten. Im Osten verzeichnete die PDS unter Wählern mit Universitätsabschluss mit 55 Prozent die höchste Zustimmung.

Etwas anders verhält es sich bei Zuzüglern aus dem Osten im Westteil der Stadt. Es sind zum Großteil Berufstätige, die nach 1990 aus Ostberlin und den neuen Bundesländern in den Westteil der Stadt gezogen sind. Obwohl auch unter ihnen der Anteil der PDS-Wähler mit 18 Prozent im Vergleich zum Umfeld überdurchschnittlich hoch ist, haben die Wählern mit der DDR-Vergangenheit im Westen eine größere Anpassung vollzogen. Sie stimmten laut Infratest dimap mit 29 Prozent für die SPD und mit 28 Prozent für die CDU, die FDP liegt bei 10, die Grünen bei 8,5 Prozent.

Doch auch, was ihre hohe Zustimmung zur PDS angeht, sieht Dieter Roth, Geschäftsführer der Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen, bei ehemaligen DDR-Bürgern die heute im Westteil der Stadt leben, einen Trend zur Anpassung an westliches Wahlverhalten. "Der PDS-Anteil ist zwar noch höher als im westlichen Durchschnitt, aber er ist weit geringer als im Ostteil."

Insgesamt zwölf Prozent der wahlberechtigten Berliner haben nach 1990 ihren Wohnsitz in die Hauptstadt verlegt. Davon sind vier Prozent aus dem Gebiet der ehemaligen DDR und etwa sechs Prozent aus den alten Bundesländern zugezogen, 1,7 Prozent kamen aus dem Ausland. Innerhalb Berlins sind im gleichen Zeitraum fünf Prozent der Westberliner in den Ostteil gezogen, umgekehrt zogen vier Prozent aus dem Osten in die westlichen Bezirke. Bei dieser Gruppe sehen Wahlforscher die geringsten Veränderungen. "Diejenigen, die innerhalb Berlins gewandert sind, haben ihr Wahlverhalten nur wenig verändert."

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