Junge Mütter : Zwischen Party und Pampers

Sie sind selbstbewusst und stylish, schwanger zu sein ist für sie ein Lebensgefühl: Mütter aus Prenzlauer Berg - dem größten Jugendfreizeitheim der Republik.

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Mami ist die Schönste. Buchautorin und Tagesspiegel-Redakteurin Nana Heymann lebt mit Ehemann und Tochter Kajsa mitten drin...Foto: David Heerde

Vielleicht war es nie einfacher, Kinder zu haben, als heute: Elterngeld, Wegwerfwindeln, Fertignahrung, Betreuungs- und Freizeitangebote sowie – im Zweifelsfall – Ratgeberliteratur für jede Lebenslage und Entwicklungsphase. Viel kann man nicht falsch machen, wenn man sich für Nachwuchs entscheidet. Eigentlich. Denn vielleicht war es nie schwerer, Kinder zu haben, als heute. Wann ist der richtige Zeitpunkt? Wird man sich ein Baby auch ohne Festanstellung leisten können? Welche gesellschaftlichen und beruflichen Perspektiven werden sich dem eigenen Kind bieten? Und, noch viel wichtiger, wird man es schaffen, mit seinen eigenen Hoffnungen und Träumen nicht auf der Strecke zu bleiben?

Fragen über Fragen, deren Beantwortung einen schier wahnsinnig machen kann. Klar sieht Elternsein heute viel entspannter und besser aus als früher, vor allem in den sogenannten Szenebezirken. Aber hinter der schicken Fassade aus teurer Designerkleidung und großer Sonnenbrille verbergen sich oft Zweifel und Unsicherheit, die in krassem Gegensatz stehen zum Selbstbewusstsein, das die neuen Mütter und Väter ausstrahlen. Keiner Generation ist es je so wichtig gewesen, die richtigen Bücher zu lesen, die richtige Musik zu hören, die richtigen Marken zu tragen. Ein bekanntes Berliner Musiklabel nennt sich „Stil vor Talent“, das könnte das Motto der neuen Elterngeneration sein.

Was für andere Arbeit ist, scheinen die neuen Mütter und Väter mit Lässigkeit, Stil und Haltung zu erledigen. Kinder zu haben ist für sie kein Umstand, sondern ein Lebensgefühl, nicht zuletzt dank der Vorbildfunktion vieler prominenter Hollywood-Eltern, deren Lifestyle sie im Kleinen zu kopieren versuchen. Diese neue Elterngeneration wirkt immer top gestylt, geht zum Mutter-Kind-Yoga oder frühkindlichen Chinesisch und ernährt den Nachwuchs ausschließlich mit Bio-Produkten. Sie macht die Wickeltasche – einst einer der hässlichsten Gebrauchsgegenstände überhaupt – zur heiß begehrten It-Bag und aus der Wahl des Kinderwagens eine Philosophie.

Doch vielleicht offenbart sich gerade in dieser Akribie die größte Angst der heutigen Eltern: die Angst des sogenannten Bionade-Biedermeiers vor dem gesellschaftlichen und sozialen Abstieg. Solange man sich Vollkornnudeln und einen 1000 Euro teuren Kinderwagen leisten kann, kann man wohlig angeekelt den Kopf schütteln über die Pommes essenden Kinder der Unterschicht. Und deshalb hält man sich auch gerne auf mit vermeintlichen Nebensächlichkeiten. Zum Beispiel mit der Wahl des richtigen Spielzeugs, der richtigen Spielplätze, der richtigen Musik. Denn nichts war einem früher so wichtig wie die Musik, die man gehört hat. Wobei früher auch bedeutet: vor ein paar Monaten. Als man noch keine Mutter, kein Vater war. Da war Musik – so wie Bücher, so wie Filme, so wie Kleidung – ein Unterscheidungskriterium: Sag mir, was du hörst, und ich sage dir alles über dich.

Sicher war immer, dass der Tag, an dem man sich für Musik nicht mehr interessiert, der Tag sein würde, an dem man erwachsen geworden ist, und Erwachsenwerden schien einem immer schon als wenig erstrebenswert, deshalb leben die neuen Eltern ja auch so gerne in Prenzlauer Berg, dem größten Jugendfreizeitheim der Republik.

Und so machen sich die neuen Mütter und Väter das Leben selbst unnötig schwer. Denn eines wissen sie nach der Lektüre der vielen Ratgeber: Als Eltern kann man alles falsch machen – und nichts richtig. Worauf einen die Ratgeber nämlich nicht vorbereiten, ist der soziale Druck, unter den man gerät, wenn man vor die Tür geht. Denn plötzlich lauern da draußen nur noch Feinde. Andere Eltern, bessere Eltern. Wahrscheinlich war es nie schwerer, Kinder zu haben, als heute.

— Nana Heymann: Generation Wickeltasche. Die neue Lust am Muttersein – Begegnungen mit jungen Frauen. Erscheinungstag 15. April, 235 Seiten, 9,90 Euro. Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag.

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