Berlin : Junge Trebegänger suchen nach Zielen

Tobias Arbinger

Drei junge Männer fläzen sich auf der Couchgarnitur des Aufenthaltsraums. Sie tragen Kapuzenshirts und Baseballjacken. Zwei von ihnen essen zu Abend: Fünf-Minuten-Terrinen. Hiphopmusik wummert durch den Raum. Nur ab und zu werfen sich die drei Bewohner des Treberladens Wedding kurze Satzfetzen zu. Spannung liegt in der Luft. "Rumhängen macht unzufrieden", sagt Sozialarbeiter Ingo Bullerman, der heute die Abendschicht im Treberladen hat.

Die Einrichtung in der Nazarethkirchstraße bietet jungen Obdachlosen zwischen 18 und 25 eine Unterkunft. Wer kein Dach über dem Kopf hat, kann sofort einziehen und bis zu drei Monaten bleiben. In der Zeit beraten Sozialarbeiter die jungen Erwachsenen. Sie helfen ihnen zum Beispiel, Sozialhilfe zu beantragen und sich um eine dauerhafte Bleibe zu kümmern, oftmals betreute Wohnprojekte. Das Ziel des Treberladens ist es zu verhindern, dass die jungen Menschen endgültig in die Obdachlosigkeit abrutschen. "Wir wollen die Weichen so stellen, dass es wieder aufwärts geht", sagt Bullermann. Ein Bett, ein Spind, ein Kühlschrankfach, Bettwäsche und ein Stück Seife gehören zur Grundausstattung eines jeden Neuankömmlings. Um das Essen muss er sich selbst kümmern. Ebenso um Ämtergänge oder um Briefmarken. Einen gewissen Grad an eigenem Engagement verlangt die Treberhilfe. Von seinem Büro aus kann Bullermann durch eine Glasscheibe in den Aufenthaltsraum sehen, auf den Kicker, die Couch, den Esstisch. Das Ambiente erinnert an eine Krankenstation. Ein Flur führt in die Schlafräume mit je zwei Doppelstockbetten. Die sind über und über mit Graffiti bemalt. Das ist nicht gerade gemütlich, es passt aber zum Gestus der Bewohner, die sich so unnahbar geben wie ihre Rap-Vorbilder. Fragen zu ihrer Situation möchten sie nicht beantworten. "Keinen Bock", sagt einer. Verständlich, denn meistens sind die Geschichten ein Trauerspiel.

Ingo Bullermann kennt genug Beispiele: Etwa das der jungen Frau, die im Heim aufgewachsen ist, eine Lehre anfängt, und sich eine Wohnung nimmt. Sie kommt mit dem Leben allein aber nicht klar, mit der Ausbildung auch nicht und landet auf der Straße. Oder: Ein junger Türke, der noch zu Hause lebt, soll in der Türkei verheiratet werden. Er sträubt sich, es kommt zum Konflikt mit den traditionell eingestellten Eltern, er fliegt raus. Häufig seien Mietschulden die erste Station auf dem Weg in die Obdachlosigkeit, erzählt Bullermann. Einige seiner Klienten hätten sie bis zur Räumungsklage ignoriert. Irgendwann würden auch Freunde nicht mehr helfen.

Nach acht Jahren in Wedding soll der Treberladen im Juni in die Kolonnenstraße nach Schöneberg umziehen. Statt zehn sollen dann 18 Plätze zur Verfügung stehen. Es soll Ein- und Zwei- statt Mehrbettzimmer und mehr Platz für obdachlose Frauen geben. Mit Spenden sollen Möbel angeschafft werden. Auf dem Wunschzettel stehen außerdem eine Tischtennisplatte, ein Boxsack und zwei gebrauchte, internetfähige Computer.

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