Berlin : Jungfernfahrt mit Pannen

Vor 100 Jahren rollten die ersten motorisierten Busse über Berlins Straßen. Frauen mussten unten sitzen

Alexa Wendt

Der erste Wagen kam nicht weit. Es rumpelte, eine Fensterscheibe ging zu Bruch, irgendwann bewegte sich gar nichts mehr. Schuld war die „noch recht rauhe Fahrtechnik", stand hinterher in der Zeitung. Der zweite Wagen hatte mehr Glück: Er kam auf Anhieb ins Ziel.

Hunderte Menschen standen Spalier, als am 19. November 1905 die ersten beiden motorisierten Omnibusse bei Regenwetter durch Berlin fuhren. Die neue „Linie 4“ ging vom Halleschen Tor entlang der Friedrichstraße bis zur Chausseestraße Ecke Liesenstraße. Feste Haltestellen gab es nicht. Wer ein- oder aussteigen wollte, gab dem Busfahrer vom Straßenrand aus ein Zeichen. So mancher bohrte beim Kampf um die besten Plätze seinem Vordermann den Regenschirm in den Rücken. Was oft trotzdem nichts half: In Berlins erste Doppeldecker passten nämlich jeweils nur 37 Fahrgäste – 16 konnten im Wageninnern sitzen, drei stehen, der Rest nahm auf dem Oberdeck Platz. Frauen durften übrigens nicht aufs Oberdeck, zumindest der Legende nach. Angeblich, damit ihnen nicht fremde Männer unter die Röcke schauen konnten.

Schon die ersten Omnibusse waren mit Polstersitzen aus grau-grünem Plüsch, einer Heizung und Innenbeleuchtung ausgestattet. Das war Luxus – zumindest im Vergleich zu den 870 Pferdefuhrwerken, die bislang über Berlins Straßen holperten. Schwarz-braun lackiert und mit Vollgummi bereift pendelten die 28-PS-Gefährte durch die Straßen.

Die Jungfernfahrt auf der sechs Kilometer langen Strecke endete nach 24 Minuten. „Dir jehört die Zukunft“, sollen die Passanten damals zufrieden gemurmelt haben – und Berlin war um eine Attraktion reicher. Ab sofort brauchte man nicht mehr neidvoll nach London zu blicken, wo bereits seit Jahren mehrere Dutzend motorisierte Omnibusse über die dortigen Pflaster fuhren.

Ein Jahr dauerte die Probephase, dann erhielt die Allgemeine Berliner Omnibusgesellschaft – finanziert aus Aktienkapital – die Betriebserlaubnis für ihre Doppeldecker. Heute legen rund um die Uhr mehr als 1350 BVG-Omnibusse jährlich etwa 96 Millionen Kilometer Wegstrecke zurück. Ein Wagen bietet derzeit 128 Fahrgästen Platz.

Die Linie 4 verkehrt schon lange nicht mehr. Wer heute mit dem Bus vom Halleschen Tor zur Chausseestraße Ecke Liesenstraße fahren will, braucht eine Menge Geduld: Die Fahrt dauert mindestens 40 Minuten und man müsste dreimal umsteigen.

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