Berlin : Jutta Wittke (Geb. 1955)

„Fühlst du keine Einsamkeit?“ - „Nein. Das Schloss ist mein Paradies“

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Jörn hatte nicht weit von der Haustür geparkt. Sie kamen von einer Reise und hatten einiges zu tragen. Als Jutta ausstieg, landete sie mit den Füßen in einer Riesenpfütze. Jörn musste das doch gesehen haben! Wütend trug sie mit ihm das Gepäck nach oben. Dann verließ sie türenknallend die Wohnung. Drei Stunden dauerte es, bis die Wut verraucht war. Das war im Jahr 1982. Es war der einzige Streit, den sie in 42 gemeinsamen Jahren hatten.

Nähergekommen waren sie sich 1972 bei einer Nachtwanderung der Katholischen Jugend in Wunstorf bei Hannover. Jutta verbrachte einen Großteil ihrer Freizeit in dem Jugendverband: sie leitete eine Kindergruppe und hatte mit einer Freundin eine Band gegründet, die „Kirchenjazz“ spielte, wie sie es nannten: modern interpretierte Lieder wie „Amazing Grace“ oder „Warum denn bauen wir nicht Brücken“. Jörn wurde ihr Schlagzeuger. Dann die Nachtwanderung: Jörn lief neben seiner Freundin her, als Jutta dazukam. Sehr bestimmt sagte sie: „Das ist jetzt meiner.“ So überzeugend, dass die Konkurrentin klaglos das Feld räumte und Jörn sich auf sie einließ. „Männer werden halt ausgesucht“, erklärt er das heute schulterzuckend. 1975 verlobten sie sich, 1979 feierten sie Hochzeit.

1975 war es auch, als Jutta ihre Ausbildung zur Krankenschwester begann. Sich um andere zu kümmern, hatte sie früh gelernt, denn ihr jüngerer Bruder litt an einer schweren Wirbelsäulenverkrümmung. Die Aufmerksamkeit der Mutter richtete sich auf ihn, Jutta stand hintenan. Der Vater, von Beruf Flugzeugtester, war über der Krankheit seines Sohnes bitter geworden, der Tochter wünschte er, dass sie die Ausbildung nicht schaffte.

Doch sie bestand und zog nach Berlin, wo Jörn schon Jura studierte. Bei der Arbeit im Krankenhaus eckte sie zuweilen an, weil sie mehr Wert darauf legte, für den Einzelnen da zu sein, als die Pflegeabläufe einzuhalten. 36 Patienten waren aber zu zweit nicht zu schaffen, wenn man ihnen zuhörte oder den älteren Damen die Haare machte. Die Bedingungen im Krankenhaus empfand Jutta als Zumutung, dann schmerzten auch noch ihre Knie. 1987 kündigte sie.

Nun blieb sie zu Hause und kümmerte sich um Freundinnen, Nachbarn, das Patenkind. Und um Jörn. „Ich baue dir ein Schloss“, hatte der ihr versprochen. Gemeint war ein schönes Leben, und dazu gehörte ein Haus mit Garten mit etwas Abstand zur Großstadt. Sie bauten es in Stahnsdorf-Güterfelde.

Dort ging alles seinen geregelten Gang: Während Jutta noch schlief, machte Jörn sich auf den Weg in die Kanzlei. Je nach Wochentag stand bei Jutta Wäschewaschen, Einkaufen oder Gartenarbeit auf dem Programm, dabei lief das Radio. In den Pausen rauchte sie, las Zeitung oder Historienromane, spielte mit ihren Katzen oder schaute den Vögeln im Garten zu. Am Abend gab es im Wechsel warmes Essen oder Schnittchen. Wenn Jörn um zehn am Abend von der Arbeit kam, setzte er sich eine halbe Stunde zu ihr vor den Fernseher, dann schalteten sie das Gerät ab, machten Musik an und wechselten in die Rede-Ecke. Anderthalb Stunden lang, jeden Tag, über all die Jahre. Das war ihnen heilig.

Einmal fragte ihre Freundin Geli: „Fühlst du keine Einsamkeit?“ – „Nein“, erwiderte sie. „Das Schloss ist mein Paradies.“ Denn Jutta war auch Einzelgängerin. Sie teilte zwar fast alles mit Jörn, doch ein paar Dinge gingen nur sie etwas an. Als in kurzer Folge ihr Vater, ihr Bruder, ihre Mutter und die geliebten Katzen starben, trauerte sie still. „Ich mache das mit mir selbst aus, das weißt du doch“, sagte sie zu Geli.

Im Frühjahr wurde sie selbst krank, Speiseröhrenkrebs. Nach der Diagnose blieben ihr sechs Wochen. Jörn sagte sie nicht, dass sie würde sterben müssen. Als er es erfuhr, brach sie zusammen. „Ich wollte dich doch schützen!“ Vier Tage blieben ihnen für die letzten Gespräche. „Du bist das größte Geschenk meines Lebens.“ – „Und du meins.“

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