Berlin : K.o. schon vor dem Match

Der Mann war hübsch, er hatte Manieren. Es sollte nur eine kleine Affäre sein, mehr nicht. Doch als José am nächsten Morgen aufwacht, ist ihm übel, der Schrank steht offen. Jetzt ahnt José, was passiert ist.

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Manchmal genügt ein einziger schwacher Moment. Der Liebste ist von Berufs wegen weit weg, und man hat einfach keinen Bock auf „abends allein zu Haus“. Morgen kommt er wieder. „Ja, ich hab eine kleine Kneipentour gemacht, ja, ich hab zwei Bier getrunken“, erzählt José. Und ja, eine der Kneipen ist wohl berüchtigt als „Stricherlokal“. Aber einen Stricher hätte José nie genommen. Und der junge Mann, der ihn um Feuer bittet, ist „sehr kultiviert und sehr nett“. Man kommt ins Plaudern, trotzdem geht José bald. „Er ist hinter mir hergedackelt – ob wir noch was zusammen trinken können.“ Ach komm, okay, eins geht noch. In einer ganz normalen Kneipe. Wo José kurz auf die Toilette geht, bevor er mit dem jungen Mann noch ein Bier trinkt. „Dann fragt er mich, ob er mit zu mir nach Hause kommen kann. Ja, naja, er war sehr hübsch.“ Und José ist bald vierzig. Da kann so ein hübscher Kerl mit guten Manieren, der einen offenbar begehrt, genau die Nanoeinheit Schmeichelei sein, die einem die Warnsysteme trübt. Oder hat das Zeug da schon angefangen zu wirken?

José ist ein schöner Mann, zierlich, kein Gramm Fett zu viel, kurze schwarze Haare und warme, lebhafte braune Augen. Er weiß vom Rest des Abends nur noch, dass sie kurz Cola getrunken haben, weil er keine Alkoholika zu Hause hatte, und danach ins Bett gegangen sind. „Ich kann mich nicht mal mehr erinnern, mich ausgezogen zu haben. Ich bin irgendwann mittags wieder aufgewacht, nach zehn Stunden oder so. Total benebelt.“ Die Gedanken rutschen weg. Die Beine auch, als er aufsteht. Warum sind die Schubladen der Flurkommode offen? Und da, der Schrank zwischen Schlafzimmer und Gästezimmer – da stehen auch die Türen auf? Dann kommt die Panik.

„Aus zwei Gründen. Erstmal – wie soll ich das meinem Freund erklären? Und dann weil mein Schmuck weg war.“ Dazu gehören Dinge ohne materiellen Wert. Erinnerungen an seinen Ex-Freund, ein Workaholic, genau wie José damals. Ein Herzinfarkt hatte ihn aus dem Leben gerissen. Das war in Spanien gewesen. „Vierzehn Jahre Lebensgeschichte, die plötzlich weg waren.“

Es dauert eine Stunde, hat er rekonstruiert, bis er wieder einen so klaren Kopf hat, dass er weiß: Ich brauche Hilfe. „Mir ging’s gar nicht gut. Ich war wirklich k.o., seelisch und körperlich.“ Schließlich erinnert er sich an das „Schwule Überfalltelefon“ (SÜB). Bastian Finke, der an diesem Nachmittag am Beratungstelefon sitzt, beruhigt ihn und bietet an vorbeizukommen. Nein, sagt José, ich wohne nicht weit, und frische Luft tut bestimmt gut. Dort, im kleinen Büro hinter dem Mann-O-Meter-Café im schwulen Kiez, direkt am Nollendorfplatz, kann er erst mal die Scham herausweinen. Was hat er Andreas angetan? Was hat er sich selbst angetan? Er hat diesem Typ ja selbst die Tür aufgemacht. Bastian Finke hört einfach zu, und das tut gut. Er begleitet ihn ins Krankenhaus zur Urinprobe. Verletzungen hat José glücklicherweise nicht. Vergewaltigt worden war er also nicht auch noch. Aber die Urinprobe bringt nichts. Der Standardtest erfasst nur bestimmte Opiate, sagt man ihm in der Klinik. Die finden sich bei ihm nicht. Und andere Substanzen nachzuweisen, ist teuer. Etwa all die verschiedenen Chemikalien, die landläufig als „K.o.-Tropfen“ bezeichnet werden – Diazepame, Barbiturate, Psychopharmaka aller Art. Die Kripo kann solche Tests kostenfrei durchführen, allerdings ist der Nachweis allerhöchstens 72 Stunden möglich.

Den materiellen Schaden nachzuweisen, ist José auch unmöglich. Die Versicherung lehnt jeden Ersatz ab: Ja, wenn Ihre Tür eingetreten oder Ihr Kopf halb zerschmettert wäre, wird ihm kalt und klar beschieden.

Das SÜB heißt seit kurzem „Maneo – Schwules Überfalltelefon und Opferhilfe“, erklärt Bastian Finke, der Mitgründer und einzige hauptamtliche Mitarbeiter. „Wir haben uns nach dreizehn Jahren geöffnet, weil wir auch Anfragen zu anderen Fällen bekommen haben. Häusliche Gewalt, sexuelle Gewalt, ‘normale’ Kriminalität.“ Hinter der sich allerdings oft noch etwas anderes verbirgt. Was zunächst aussieht wie ein „normaler Raubüberfall“ auf der Straße – Handy, Brieftasche, Kreditkarte weg, und manchmal ein paar Zähne –, entpuppt sich bei Gericht oft als schwulenfeindlich motiviert oder zumindest kalkuliert, wenn der Täter sagt: „War doch bloß ’n Schwuler!“

Bastian Finke ist auch um die vierzig. Ein geborener Berliner, der im Rheinland aufwuchs und wieder zurück kam, um Soziologie zu Ende zu studieren. Dazwischen hat er einiges an Gewalt aus nächster Nähe erlebt: Schon als Schüler und danach zehn Jahre lang organisiert er Ferienaufenthalte für bürgerkriegsgeschädigte nordirische Kinder – zunächst die aus einem katholischen Slum, dann mit viel sanfter und intelligenter Persistenz auch die aus dem protestantischen Nachbarviertel, durch die Wellblechmauer durch. Er jobbt bei der Bahnhofsmission am Zoo. Er weiß aus Erfahrung, dass viel mehr machbar ist, als die meisten glauben.

„Maneo“ ist lateinisch und heißt „ich werde fortbestehen“. Im Sinn von übrig bleiben, überleben. Das ideale Motto für eine Szene, deren heimliche Hymne jahrzehntelang Gloria Gaynors „I Will Survive“ war. Auch wenn das den Maneos gar nicht bewusst war. Aber ist das nicht ein bisschen pathetisch? Geht’s nicht eine Nummer kleiner? Berlin ist doch Hauptstadt der Lesben und Schwulen und Heimat von Europas größter Christopher Street Day-Parade. Hier leben prozentual doppelt so viele homosexuelle Bürger wie in anderen Orten, geschätzte 350 000. Berliner Liberalität lockt von Jahr zu Jahr mehr Touristen aus aller Welt in die Stadt, Berliner sind cool, haben etliche mehr oder weniger offen homosexuelle Politiker und finden daran nichts weiter skandalös. Die Polizei hier hat schon im Oktober 1990 als erste deutsche Behörde ihren eigenen „Schwulenbeauftragten“ installiert. Was für „Überlebensprobleme“ wollen Schwule denn hier haben!

Die Frage selbst ist wohl Teil des Problems. Dass gerade schwule Männer eine gezielt angegriffene Gruppe sind, ist kaum im Bewusstsein der Mehrheitsgesellschaft. „No-go areas haben wir in Berlin zum Glück nicht“, sagt Uwe Löher, der jetzige, wie es korrekt heißt, „Ansprechpartner der Polizei für gleichgeschlechtliche Lebensweisen“. No-show areas aber sehr wohl – Gegenden, in denen man besser nicht allzu sichtbar verliebt ist, wenn man dasselbe Geschlecht hat. Und das sind nicht mehr nur Neukölln-Nord oder Marzahn. „Zum einen gibt es vorurteilsmotivierte Gewalt. Zum Beispiel gewaltbereite Jugendliche, die ein bestimmtes Opferraster haben. Wenn die auf Stress aus sind und auf zwei Männer Hand in Hand, zwei Frauen, die sich küssen, treffen, dann kann das ausreichen, dass sie gewalttätig werden.“

Im Klartext: „Schwule klatschen“. Sie zusammenschlagen, einfach so, um „ihr Mütchen zu kühlen“. In Friedrichshainer Parks, in Prenzlauer Berg, selbst in den Kiezen der Subkultur. Dass die Täter immer öfter Migranten-Kids sind, nachdem es eine Zeit lang nach dem Mauerfall viele Ost-Berliner Kids waren, ist ein Aspekt, der allen Sorge macht, die mit derlei hate-crime zu tun haben. Und den kaum jemand wirklich anpacken will. Dabei „greift vorurteilsbedingte Gewaltkriminalität die Grundlagen des friedlichen Zusammenlebens in der zivilisierten Gesellschaft an – die Unantastbarkeit der Menschenwürde als Gemeinschaftswert“, wie das Deutsche Forum für Kriminalprävention (DFK) im Januar 2004 zusammenfasst, was die erste Untersuchung zum Abbau von Hass-Kriminalität in Deutschland ergeben hat. „Die Wirkungen der Taten sind verheerend, da sie zum einen auf Merkmale abzielen, welche das Opfer nicht beeinflussen kann, und zum anderen der gesamten Opfergruppe die einschüchternde Botschaft der Ablehnung, des Hasses und der Angst signalisieren.“

Der 40-jährige Kriminalhauptkommissar Löher war unter anderem fünf Jahre in einer Mordkommission, bevor er 1998 die Dienststelle übernahm. Sie ist im Landeskriminalamt (LKA) angesiedelt und sitzt in der Keithstraße, wo die gesamte LKA-Abteilung „Delikte am Menschen“ jetzt wieder zusammenarbeitet. „Auf der anderen Seite gibt es Eigentumskriminalität, bei der immer wieder Raubtaten mittels K.o.-Tropfen eine Rolle spielen.“ So wie bei José. Oft sind es Serientäter, die systematisch Schwulenläden abgrasen, auf der Suche nach „leichter Beute“. „Die gehen davon aus, dass es den Opfern zu peinlich ist, zur Polizei zu gehen und zu sagen: Ich hab einen Mann mit nach Hause genommen, ich wollte Sex, stattdessen bin ich beklaut worden, und getrunken hatte ich auch was.“

Den Gang zur Kripo scheut auch José zunächst. Nicht aus Peinlichkeit, dazu ist er zu emanzipiert. Er fürchtet den Schock für seinen Freund. Wenn der nach Hause kommt und womöglich ein Polizeiauto vor der Tür sieht – nein, er will es ihm selbst zuerst erklären und dann zur Polizei gehen. Doch Andreas reagiert völlig unerwartet. Er schäumt nicht vor Eifersucht wie er selbst, José, es bestimmt getan hätte. Er kümmert sich: „Stell dir vor, ich komme nach Hause und du liegst im Bett mit durchschnittener Kehle! Bist du wahnsinnig?“ Er geht mit ihm zur Kripo, lässt sich wie er Fingerabdrücke abnehmen, damit man eventuell vorhandene Fremde feststellen kann. „Auf einem Flur, wo jeder uns gesehen hat“, sagt José. Wie Verbrecher kamen sie sich da vor.

Raubüberfälle, bei denen die Opfer mit einer „chemischen Keule“ k.o. geschlagen werden, sind nichts Neues. In den Sechzigerjahren waren sie fast synonym mit „Rotlicht-Milieu“ und „Beischlafdiebstahl“. Auch schwule Opfer sind nicht neu. Es scheint immer wieder Wellen zu geben. 1998 eine, 2002/03 auch und jetzt wieder. „Jeder weiß von mehreren Geschichten zu berichten“, erzählt Bastian Finke, der mit seinen Kollegen durch den Kiez streift, Kneipenwirte und Gäste anspricht, runde Tische organisiert, Cruiser warnt und Aufklärungs- und Präventionsmaterial verteilt, das Maneo oft mit anderen Hilfsorganisationen und der Polizei herausgibt. Ein paar Wirte haben jetzt Videokameras über dem Eingang, andere passen besser auf, wer reinkommt. Einer der Serientäter konnte vor kurzem gefasst werden, weil verschiedene Anzeigen ein so genaues Bild von ihm und seiner Masche hergaben, dass Polizei und Maneo Phantombilder verteilen konnten. Ein Wirt erkannte ihn und rief die 110. Der Täter bekam mehr als fünf Jahre Haft für immerhin sechs angezeigte Taten. „Aber die Dunkelziffer ist höher“, sagt Finke. „70 bis 90 Prozent“, vermutet Löher. Der KHK bekommt pro Jahr 70 bis 100 Vorgänge auf den Tisch, bei denen das Opfer sich selbst als schwul geoutet hat oder der Verdacht eines schwulenfeindlichen Motivs nahe liegt. Eine Statistik, die Schwule als Opfer erfass, gibt es nicht – das Persönlichkeitsrecht steht dagegen. Ob sich jemand outet, ist seine persönliche Entscheidung. Das ist gut so, aber auch ein Dilemma, das sich kaum auflösen lässt. Denn je mehr Schwule Anzeigen machen, desto schärfer die Täterkonturen für Ermittler, desto wahrscheinlicher und schneller die Festnahme, desto weniger Opfer. Das zeigt sich jedesmal, wenn ein Fall durch die Medien geht und ein paar Opfer sich doch noch zur Anzeige entschließen. „Viele Opfer denken: Kommt ja doch nichts dabei raus. Aber für uns ist jeder Hinweis wichtig“, sagt Löher, dem die Effektivität der Kriminalitätsbekämpfung am Herzen liegt.

Aber es ist nicht nur Peinlichkeit oder Sinnlosigkeit, was Schwule auf Anzeigen verzichten lässt. Viele der Opfer sind ältere Männer. Und sie sind misstrauisch gegenüber der Polizei. „Aus der Tradition, dass Polizei ihnen früher als Verfolgungsbehörde gegenübertrat“, weiß Löher sehr wohl. „In dieser Tradition wurden Einsätze lange geplant.“ Traditionell schwulenfeindliche oder unsensible Einstellungen in der Polizei selbst abzubauen, gehört auch zu Löhers Aufgaben. Jeder Berliner Polizist absolviert während der Ausbildung mindestens drei Stunden bei ihm. Auch da sind die Maneos eingebunden – und oft auch Polizisten von VELSPOL, dem 1995 gegründeten Verein lesbischer und schwuler Polizeibediensteter aus Berlin und Brandenburg, dem BGS und der Berliner BKA-Filiale. Und ebenfalls gemeinsam mit Maneo macht Löher öffentliche Informationsveranstaltungen zum Umgang mit Aggression und Gewalt.

Maneo wird ein bisschen staatlich gefördert. Allerdings nur, wenn sie über Spenden genügend eigene Mittel zusammenkriegen. Das Beratungstelefon ist täglich von 17 bis 19 Uhr besetzt, zumeist von den zehn ehrenamtlichen Mitarbeitern, ohne die gar nichts ginge. Hauptamtlich, also bezahlt, arbeitet nur Bastian Finke. Aber wenigstens kann man bei Maneo seinen Zivildienst ableisten. Etwa 260 Hilfeersuche bearbeiten sie pro Jahr, mit etwa dreihundert Opfern. In den meisten Fällen geht es um Angriffe auf Menschenwürde und Integrität. Jeder einzelne ist zugefügte Gewalt, jeder einzelne eine Schande für die Stadt. Aber es gibt das Prinzip Hoffnung. Ein schwulenfeindlicher Exzess würde hier nicht hingenommen. „Die Polizei würde sofort reagieren“, da ist Bastian Finke absolut sicher, „und ich denke, auch die Bürger würden sofort auf die Straße gehen.“

José und Andreas haben es geschafft, dem Horror des einen kleinen schwachen Moments eine positive Wendung zu verpassen. Ihre Beziehung ist durch die Krise tiefer und fester geworden. „Er hat die Sache nie wieder erwähnt“, sagt José. „Er sagt, wenn er weg muss, nur noch beiläufig, damit ich’s nicht merke: ‘Pass auf dich auf!’ Hat er früher nicht gesagt. Pass auf dich auf heißt: ‘Mach keinen Scheiß!’“

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