KaDeWe-Einbruch : Beim Juwelencoup setzt Polizei jetzt auf Detektivarbeit

Nach ihrer Freilassung werden die tatverdächtigen Zwillingsbrüder im KaDeWe-Coup nun von der Polizei in Niedersachsen beobachtet. Derweil arbeiten Wissenschaftler an einer präziseren DNA-Analyse, bis zu deren Einsatzreife allerdings noch Jahre vergehen können. Ohne Beweise müssen die Beschuldigten nach zehn Jahren freigesprochen werden.

Werner van Bebber[Tanja Buntrock],Ralf Nestler

Einen Tag nach ihrer Freilassung aus der Untersuchungshaft sind die Zwillinge Hassan und Abbas O. wieder in ihrer niedersächsischen Heimat Rotenburg. Der älteste Bruder der beiden 27-Jährigen, die im Verdacht stehen, am Juwelendiebstahl im KaDeWe beteiligt gewesen zu sein, stellte gestern klar: „Wir haben den deutschen Rechtsstaat weder verhöhnt noch verspottet. Wir meinten unseren Dank wirklich ernst.“ Kurz nach der Aufhebung der Haftbefehle hatte die Familie ausrichten lassen, dass sie „stolz auf den deutschen Rechtsstaat“ sei und ihm danke.

Die Fahnder, die die Männer nun sicher ganz genau beobachten, werden nach Auskunft des Bruders „ein langweiliges Leben“ präsentiert bekommen. „Sie kümmern sich um unseren pflegebedürftigen Vater.“ Doch die gebürtigen Libanesen gelten weiterhin als Beschuldigte. Die Tatsache, dass sie freigelassen werden mussten, weil keinem von beiden die DNA-Spur am Tatort zugeordnet werden konnte, bedeute nicht, „dass wir nun die Beine hochlegen“, sagte ein Ermittler. Schließlich gebe es auch andere Möglichkeiten als über DNA-Spuren, Tatverdächtige zu überführen. „Das hat man vor einigen Jahren schließlich auch so machen müssen.“ Die Ermittlung ziehe sich jetzt nur länger hin.

Experten, so wie die Freiburger Biologin Sabine Lutz-Bonengel, halten es für möglich, dass eines Tages auch mit der Analyse ausgewählter DNA-Abschnitte Zwillinge unterschieden werden können. Dies werde aber noch einige Jahre dauern. Möglicherweise wird es dann zu spät sein für die  Berliner Ermittler. Denn nur Mord verjährt in Deutschland nicht – im Gegensatz zu allen anderen Straftaten. Beim Einbruch ins KaDeWe handelt es sich um einen Bandendiebstahl, der „nach zehn Jahren verjährt“, sagte Justizsprecher Michael Grunwald. Das heißt: Wenn binnen zehn Jahren keine Beweise gegen die Zwillinge vorliegen, gelten sie nicht mehr als Beschuldigte. Wenn sich Polizei und Staatsanwaltschaft auf unsichere Beweise stützen, endet ein Prozess oft mit einem „im Zweifel für den Angeklagten“ – also mit Freispruch. So war es beispielsweise im Mordfall Kristina Hani. Ein 18 Jahre alter Drogenhändler, der der 14-jährigen Schülerin Heroin gegeben und ihre Leiche dann in einem Koffer verbrannt haben soll, war von Mithäftlingen belastet worden, denen er die Tat angeblich gestanden hatte. Dann aber zogen die angeblichen Ohrenzeugen ihre Aussage zurück.

Oder der Fall Ermyas M., der an einer Potsdamer Straßenbahnhaltestelle in der Nacht zum Ostersonntag 2006 niedergeschlagen und lebensgefährlich verletzt worden war: Im Juni 2007 sprach das Gericht nach 19 Verhandlungstagen und 80 Zeugenvernehmungen zwei Angeklagte frei. Die Indizien von der DNA- bis zur Stimmanalyse reichten nicht für eine Verurteilung. Der junge Mann, der 2005 eine Rossmann-Drogerieverkäuferin mit Messerstichen getötet haben soll, wurde ebenfalls freigesprochen: Die Faserspuren, die seine Schuld beweisen sollten, waren ihm nicht eindeutig zuzuordnen.

Immer geht es um die Frage: Wie geht die Justiz mit Straftätern um, die freigelassen werden müssen, obwohl sie mit großer Wahrscheinlichkeit schuldig sind? Mit diesem Problem – im Juristendeutsch  dem „Wiederaufnahmerecht in Strafverfahren“ – befasst sich aktuell auch der Rechtsausschuss des Bundestags. Eine Änderung des Strafprozessrechts könnte dazu führen, dass zukünftig zumindest mutmaßliche Mörder nach einem Freispruch aus Mangel an Beweisen zum zweiten Mal angeklagt werden. Was viele für gerecht halten, ist in den Augen der Strafrechtsexperten eine heikle Sache. Wer ein Gerichtsverfahren hinter sich habe, so der Strafrechtsprofessor Klaus Marxen von der Humboldt-Universität, darf nicht zum zweiten Mal für dasselbe Verbrechen angeklagt werden. Das „Verbot der doppelten Verfolgung“ sei sogar aus der Verfassung abzuleiten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben