Berlin : KaDeWe: Masken auf zum Maitanz im Schlaraffenland

Elisabeth Binder

Es stimmt gar nicht, dass Berliner keinen Spaß am Verkleiden haben. Man darf den Anlass nur nicht Karneval nennen. Die Venezianische Nacht im KaDeWe lockte aus ihren Mitwirkenden jedenfalls ein Höchstmaß an Fantasie heraus. Rokokodamen und ihre Galane, Harlekin und Columbina, ausladende Reifröcke, weiß gepuderte Perücken, Dreispitze, Kniebundhosen mit langen weißen Strümpfen: die Kostümverleiher hatten Hochkonjunktur vor diesem Frühlingsfest, das zum ersten Mal stattfand. In zwei bis drei Jahren könnte sich das zur Kultveranstaltung entwickeln für diejenigen, die das Clubbing-Alter überschritten haben und sich vielleicht seltener, aber dann auch raffinierter vergnügen wollen als das allnächtlich umherziehende Partyvolk. "Nur die Toten sind alt", lautete das Motto der Nacht, zu der überwiegend 30 bis 60jährige gekommen waren. Der Erfolg dieses Konzepts scheint darin zu liegen, dass sich viele Elemente verbinden: Karneval in der eleganten Interpretation des klassischen venezianischen Maskenballs, gleichzeitig die Huldigung jenes neuen Trends, der den urbanen Menschen auch zum Feiern gern auf angestammten Weiden wiederfindet.

Und in der Feinschmeckeretage lässt sich der uralte Nahrungssammeltrieb nun mal besonders spaßvoll ausleben. Obwohl natürlich nicht alle Stände geöffnet sind, ist das Fest auch eine Art Maitanz im Schlaraffenland, ein fließender Übergang vom Carnevale zum Carnesalve. Die Kulisse signalsiert Überfluss, dämpft also subtil den von tiefsitzender Verhungerungsangst geprägten üblichen Büffet-Darwinismus auf eine genussorientierte Lässigkeit herab. Naschen statt Prassen. Langusten sind der Hit, aber Salate mit Meeresfrüchten finden ebenfalls enthusiastische Liebhaber, Antipasti, Sushi, Terrine von Wachteleiern und Krebsfleisch, venezianische Pasta, Petits Fours. Dazu fließt der gute Spumante von Ferrari aus Magnumflaschen, und die Bellinis sind auch comme il faut. An allen Ecken und Ständen vertraute Melodien von aufwendig kostümierten Orchestern. Klassik und sanfter Pop dominieren, eingängigere Passagen aus den Vier Jahreszeiten wechseln sich ab mit Evergreens wie "Piccola e Fragile" oder auch mal einem schmissigen "Tutti Frutti". Letzteres reißt die Leute zu so exaltierten Tanzdarbietungen hin, dass im Hintergrund die Keksbeutel im Takt mitzittern. Wann hat man je so viele glückliche Männergesichter beim Tanzen gesehen? Ein Stockwerk höher, im Wintergarten, ein ähnliches Bild: Italienische Tanzmusik vom Delphi Tanzorchester in souveräner Konkurrenz zur Disco Italy vom DJ Heavenly Peace.

In der Nähe der Teedosen, wo es etwas ruhiger zugeht, verharrt kurz mit glücklichem Lächeln der Herr über die Feinschmecker-Etage. Norbert Könnecke ist eher ein zurückhaltender Typ, aber heute bekennt er sich zu seiner Zufriedenheit. Angefangen hat das vor drei Jahren mit der Halloween-Party, dem bislang einzigen Party-Ereignis dieser Art im KaDeWe. Fürs nächste Allerseelen ist sie bereits seit März hoffnungslos ausgebucht, 3500 Fans haben sich die Tickets zum Preis von 250 Mark gesichert. Es kommen durchaus nicht nur Leute, die das locker aus der Portokasse zahlen können, das mag auch ein Geheimnis des Erfolges sein. Wer dabei ist, will sich auch vergnügen. Da ist zum Beispiel der Finanzkaufmann mit seiner Frau; die beiden haben sich ihre Roben beim Kostümverleih besorgt und ein befreundetes Ehepaar aus Görlitz mitgebracht. Sie ist Ärztin, er Bauunternehmer, und beide sind ganz stolz auf ihre selbstgenähten Kostüme, die in der Tat mit ihren goldenen Krausen recht prachtvoll daher kommen. Ausgelassen machen sie Fotos mit den bunt schillernden Stelzenmenschen von Scaramouche und pflücken Konfetti aus ihren Fruchteisbechern, das eine fröhlich trötende Maskenprozession grad durch die Luft gewirbelt hat.

Als Giveaway hat Norbert Könnecke in Venedig eigens goldverzierte Masken fertigen lassen, so tragen auch diejenigen, die in Zivil, zum Beispiel im kleinen Schwarzen gekommen sind, zur Farbenpracht bei. Stilmix ist auch in anderen Bereichen sehr en vogue. Wir haben hier also ein Fest mit Potenzial zum Ritual; denn auch das prüde Preußen hat seine verborgenen Spieltriebe. Nur auf Befehl funktionieren die nicht. Lockt man sie indes so liebevoll hervor wie an diesem Abend, könnte sich auch ein Casanova amüsieren wie Bolle.

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