Berlin : „Kämpfe, Kassenpatient…“

… rät die Autorin Sibylle Herbert. Für ihr neues Buch hat sie monatelang Versicherungsvertreter und Mediziner beobachtet. Ein Gespräch über das Gefühl, um Arzneien betteln zu müssen, die Angst der Ärzte vor den Alten und die eigene Krebserkrankung

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Frau Herbert, Sie haben gerade Ihr neues Buch veröffentlicht, Thema: die Zweiklassenmedizin. Der Verlag wirbt mit dem provokativen Satz: „Wenn du gesetzlich versichert bist, musst du früher sterben.“ Wie sind Sie versichert?

Freiwillig gesetzlich. Ich finde, dass die Gutverdienenden sich nicht einfach aus dem solidarischen Krankenversicherungssystem verabschieden sollten.

Wenn es nach Ihren Recherchen bei Ärzten und Krankenkassen geht, ist das aber nicht so klug.

Ja, das ist moralischer und sozialer Sprengstoff. Das Perfide an der Diskussion ist, dass immer so getan wird, als sei genug Geld für alle und alles da. Das stimmt nicht, und dieser Tatsache müssen wir uns stellen. Ich habe einen Rheumatologen interviewt, bei dem eine Pianistin in Behandlung war. Sie hatte eine vielversprechende Karriere vor sich, als sie an chronischer Polyarthritis erkrankte und die Hände nicht mehr bewegen konnte. Der Arzt sagte, diese Frau würde von ihm auch die teuren modernen Therapien erhalten, die nicht 600, sondern schnell über 20 000 Euro im Jahr kosten. Dann kam eine Sozialhilfeempfängerin, 144 Kilo bei Größe 1 Meter 60, und der Rheumatologe sagte mir hinterher: „Sie hat dieselbe Erkrankung, aber ihr werde ich die teuren Medikamente nicht verschreiben.“

Wie bitte?

Ich war anfangs auch schockiert, aber wahrscheinlich geht es nicht anders. Ärzte stehen unter enormen Zwängen. Nehmen Sie nur die sogenannte Richtgröße bei Medikamenten: Laut den Kassenärztlichen Vereinigungen gibt es einen bestimmten Betrag, den statistisch jedes Mitglied für Medikamente verbrauchen darf. Bei einem Erwachsenen sind das etwa 39 Euro im Quartal, bei einem Rentner 130. Wenn Sie nun ein teures Rheumamittel oder einen Blutverdünner brauchen, sind Sie schnell darüber, und Ihr Arzt hat ein Problem.

Eine Hausärztin wie die, die Sie für Ihr Buch bei der Arbeit beobachtet haben, muss also schauen, dass sie vor allem junge Patienten anzieht, die keine großen Ansprüche haben.

Ja. Ein Arzt erzählte mir, dass er seine Praxis vom ersten Stock ins Erdgeschoss verlegen wollte. Er hat sich schließlich dagegen entschieden, weil er dachte: Wenn die Patienten keine Treppen mehr steigen müssen, kommen noch mehr alte Leute. Man kann alten Menschen nur raten: Geht dorthin zum Arzt, wo viele Junge sind. Ein anderes Problem sind Heilmittel, Dinge wie Lymphdrainage oder Massage. Etwa sechs Euro stehen für jeden Patienten pro Quartal zur Verfügung. Eine Frau hatte vor 30 Jahren einen schweren Unfall. Ihre Beine sind kaputt, sie braucht Lymphdrainagen, damit sie weiterarbeiten kann. Die kosten im Quartal 480 Euro, aber eigentlich stehen ihr nur die sechs Euro zu. Rein rechnerisch müsste die Hausärztin 80 Leuten nichts verschreiben, damit diese Frau die medizinisch notwendige und zweckmäßige Behandlung bekommen könnte.

Ärzte als Herren über Leben und Tod?

Das waren sie schon immer, schon auf den Schlachtfeldern mussten Ärzte entscheiden, wen sie retten und welcher Fall aussichtslos ist, bei Unfällen mit vielen Verletzten ist das ja auch so. Das Problem ist, dass der einzelne Kassenpatient nicht weiß, warum der Arzt ihm eine Behandlung verweigert. Und wenn er dann nachfragt, landet er in einem Bermudadreieck. Der Arzt sagt: Ich kann das nicht verschreiben, gehen Sie zur Kasse. Bei der Kasse heißt es: Wenn der Arzt das für nötig erachtet, dann soll er das ruhig verordnen. Ohne zu sagen, dass der Arzt dafür haftet, also die teure Therapie möglicherweise selbst bezahlen muss.

Besonders mühsam wird es, wenn Dinge nicht zum Leistungskatalog gehören, bestimmte Schmerztherapien bei Multipler Sklerose etwa.

Darüber entscheidet der Gemeinsame Bundesausschuss, jenes Gremium, in dem Vertreter von Ärzten, Kassen und Krankenhäusern festlegen, welche Behandlungen von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden. Der Arzt sagt also: Gehen Sie zur Kasse und lassen Sie sich die Therapie genehmigen. Bei der Kasse heißt es: Das steht nicht im Leistungskatalog. Dafür ist der Gemeinsame Bundesausschuss zuständig. Und auf dessen Internetseite steht dann sinngemäß: Wir können nicht auf individuelle Krankheitssituationen eingehen. Therapieentscheidungen liegen in der Verantwortung des Arztes. Schwupps sind Sie dort, wo Sie begonnen haben, beim Arzt.

Wird die Gesundheitsreform das ändern?

Nein. Die Frage, die wir uns stellen müssen, ist: Wie wollen wir bei einer älter werdenden Bevölkerung und höheren Kosten eine gerechte Versorgung für alle garantieren? Solche Idioten wie mich, die freiwillig gesetzlich versichert sind, gibt es doch immer weniger. Das sagt auch der Kassenvertreter in meinem Buch: Die gesetzlichen Versicherungen sind nur mehr ein Zusammenschluss der Mittelstarken und sozial Schwachen. Wollen wir das? Manche Patienten, so wie die Frau mit den Lymphdrainagen, fallen einfach durch das Raster. Manchmal habe ich den Eindruck, dass die Politiker...

...von denen weit mehr als die Hälfte privat versichert sind, jedenfalls die Mitglieder des Bundestages...

... dass diese Politiker sich oft der Realität verweigern. Ich bin dorthin gegangen, wo die Realität stattfindet. Und die Menschen, denen ich begegnet bin, hatten erst einmal Scheu, die Wirklichkeit so zu schildern, wie sie ist. Die Ärztin hatte Angst, dass bekannt wird, unter welchen ökonomischen Zwängen sie ihren ärztlichen Pflichten nachkommen muss. Und auch der Kassenvertreter hatte Angst. Beide haben nur mitgemacht unter der Bedingung, dass sie anonymisiert werden.

Sie sind politische Redakteurin beim WDR in Köln. Inzwischen treten Sie in Sachen Zweiklassenmedizin auf Ärztekongressen und in Talkshows auf. Wie kam es dazu?

Ich hatte vor fünf Jahren Brustkrebs. Die medizinische Behandlung war prima, aber die Abläufe waren belastend. Bei der Chemotherapie hatte ich jedes Mal einen anderen Arzt, viele waren schlecht vorbereitet, einmal wurde ich verwechselt, und es hieß: Alle Lymphknoten sind befallen. Ich wollte wissen: Warum sind die Abläufe so? Ich habe an das Krankenhaus einen zehnseitigen Brief geschrieben. Der Direktor hat mir acht Seiten geantwortet, und als die beiden Briefe nebeneinander lagen, sah ich, dass das zwei völlig unterschiedliche Wahrnehmungen sind. Da habe ich begonnen nachzuforschen, mit Ärzten zu sprechen.

Ihr erstes Buch „Überleben Glückssache“, in dem Sie Ihre Krebstherapie schildern, wurde 2005 ein Bestseller. Ist für Sie nach dem zweiten Buch Überleben noch immer Glückssache?

Nicht immer, aber häufig. Unlängst hat mich mein Frauenarzt angerufen. Ich muss teure Tabletten nehmen, für knapp 1000 Euro im Quartal. Der Frauenarzt bat mich, dieses Mal die Medikamente von einem Kollegen verschreiben zu lassen, weil sein Budget dafür nicht mehr ausreiche. Nun kenne ich tatsächlich Ärzte und habe alles bekommen. Aber ich empfand es trotzdem als demütigend. Als müsste ich um meine Arzneimittel betteln.

Sie sind zum Glück wieder gesund. Verdanken Sie das nicht auch dem System, das Sie kritisieren?

Absolut. Ich habe an den medizinischen Errungenschaften teilhaben dürfen, ich habe profitiert vom Wissen der Ärzte und einem Gesundheitswesen, das zweifellos einen herausragenden Standard hat. Aber eben nicht für alle und auch nicht immer.

Sie räumen in Ihrem Buch dem Vorgehen der gesetzlichen Krankenkassen viel Platz ein. Manche Einsparungen klingen aber auch sehr sinnvoll. In der Kieferorthopädie etwa hat sich die Disziplin der Patienten sehr verbessert, seit die Kassen nicht mehr jede Zahnspange zahlen, die die Leute gar nicht tragen.

Ich wollte auf keinen Fall nur die Seite der Ärzte zeigen. Es ging mir nicht darum, Konfrontationen aufzubauen, Arzt gegen Kasse, Kasse gegen Patienten. Nicht nur Ärzte stehen unter Druck, die Kassen auch. Es gibt tausend Gesetze, und immer kommt eines dazu. Selbst der Kassenvertreter sagt, er blicke an einigen Stellen nicht mehr durch.

Was raten Sie Kassenpatienten?

Also eines kann man nicht oft genug sagen: Kassenpatienten sind meistens zwangsweise in einer gesetzlichen Versicherung, sie dürfen nicht wählen. Der Kassenpatient, der da nicht kämpft, hat schon verloren. Das macht auch der Vertreter der Krankenkasse deutlich. Sein Rat: sich auf die Hinterbeine stellen, nicht abwimmeln lassen. Es gibt immer Spielräume. Und ich empfehle zu überlegen, ob man sich eine private Zusatzversicherung leisten kann. Und vielleicht wäre eine Lösung: weg mit der Beitragsbemessungsgrenze, Wettbewerb unter allen Kassen, alle Kassen müssen alle Bürger nehmen. Na gut, das ist jetzt etwas vorlaut.

Das Gespräch führte Verena Mayer.

Sibylle Herbert: „Diagnose: unbezahlbar. Aus der Praxis der Zweiklassenmedizin“, Verlag Kiepenheuer & Witsch 2006, 18,90 Euro.

Sibylle Herbert , 50, Journalistin, hatte Brustkrebs, seitdem schreibt sie gegen die Zweiklassenmedizin an. Ihr erstes Buch wurde ein Bestseller. Gerade erschien ihr zweites.

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