Berlin : Kämpfen, bis das Angebot stimmt

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Von Sigrid Kneist

Seit gestern Morgen wird auf Berliner Baustellen gestreikt. Die IG Bau rief an diesem ersten Tag des bundesweiten Arbeitskampfes im Baugewerbe knapp 1000 Arbeiter in der Stadt in den unbefristeten Ausstand. Die Arbeit ruhte gestern auf 25 Baustellen. Unter anderem wurden der Hotelneubau Dom-Aquarée am Berliner Dom bestreikt sowie der Palast der Republik, der Leipziger Platz und die Straßenbaustelle am Hohenzollerndamm. Heute soll der Streik ausgeweitet werden. Einbezogen in den Arbeitskampf wird dann auch die Baustelle Beisheim-Center am Potsdamer Platz. „Wir werden die Zahl der Streikorte permanent erhöhen“, kündigte IG-Bau-Chef Klaus Wiesehügel bei einer Auftaktkundgebung am Pariser Platz an. „Wir haben noch viel in der Pipeline.“

An den Streikposten ist kein Durchkommen. Die Männer mit den weißen müllsackähnlichen Streikhemden der IG Bau passen auf. Aber so richtig probiert hat es auch keiner am frühen Morgen auf der Baustelle des Dom-Aquarée in Mitte, erzählen sie. „Die Kolonne aus Polen ist für diese Woche schon gar nicht gekommen und gleich zu Hause geblieben.“

Die Hotel-Baustelle ist derzeit eine der größten in Berlin und an diesem ersten Tag des Arbeitskampfes Zentrum des Streiks. Gegen sechs Uhr morgens sehen sich die rund 150 Streikenden, die auch von anderen Baustellen gekommen sind, einer großen Zahl von Journalisten gegenüber. Der Berliner Streikleiter Rainer Knerler hat den Ort nicht ohne Bedacht gewählt: „Hier gibt’s schöne Bilder.“ Die werden bundesweit in den Medien zu sehen sein. Still stehende Kräne, die sich mit dem Berliner Dom im Hintergrund in den Himmel erheben, davor die Streikenden und die Plakate „Diese Baustelle wird bestreikt“. Gegenüber am Palast der Republik, wo die Asbestsanierung lahm gelegt wurde, ist nicht einmal mehr ein Streikposten zu sehen. Das rote Plakat am dortigen Bauzaun weist nicht auf den Streik hin, sondern auf eine 70er-Retro-Party im BKA Luftschloss.

Der Arbeitskampf beginnt nicht nur an prominenter Stelle, sondern auch an einem historischen Datum, dem Jahrestag des Volksaufstandes in Ost-Berlin am 17. Juni 1953. Man wolle sich in der historischen Dimension nicht mit den damaligen Ereignissen vergleichen, will IG-Bau-Chef Wiesehügel Kritikern Wind aus den Segeln nehmen. Gleichwohl seien es damals die Bauarbeiter gewesen, die sich gegen die von der Partei verordnete Normerhöhung gewehrt haben.

Die Gewerkschaft startete gestern auf Sparflamme. Sie will Reserven behalten, um den Druck auf die Arbeitgeber durch Ausdehnung der Arbeitsniederlegungen erhöhen zu können. So sieht es die Gesamttaktik des ersten bundesweiten Arbeitskampfs im Baugewerbe vor. Dafür werden aber alle Unternehmen und Baustellen so lange bestreikt, bis der Tarifvertrag steht. „So ein Flexi-Streik wie von der IG Metall bringt bei uns nichts“, sagt Knerler. Insgesamt kann die Gewerkschaft rund 15 000 Berliner Arbeiter in den Streik rufen sowie noch einmal die gleiche Anzahl an auswärtigen Arbeitern. Die Streikenden unterstützen das Konzept ihrer Gewerkschaft. „Seit zehn Jahren haben wir immer weniger gekriegt“, sagt der 53-jährige Polier Peter Petzold, der seit seinem 15. Lebensjahr auf dem Bau arbeitet. Selbst wenn man auf Lohn verzichtet habe, seien immer weiter Arbeitsplätze vernichtet worden. „Das hat zu nichts geführt“, sagt er. Auf vielen Baustellen seien nur noch wenige Arbeiter, die Tariflohn erhielten. Viele Aufträge würden an Sub-Unternehmen vergeben, die mit Arbeitskräften oft aus Osteuropa arbeiteten und diese zu Dumpinglöhnen von fünf Euro die Stunde beschäftigten. Auf den Baustellen nennt man dieses Phänomen „Versubben“. Auf dem Papier bekämen diese Arbeiter zwar den tariflichen Mindestlohn in Höhe von 9,8 Euro für ungelernte Arbeiter, aber die Realität sehe anders aus.

Für Petzold wie für die Gewerkschafter, die vor der Baustelle am Leipziger Platz Streikposten schieben, steht bei diesem Arbeitskampf nicht die Lohnforderung von 4,5 Prozent im Mittelpunkt, sondern die Kündigung der Rahmentarifverträge. „Wenn wir künftig samstags arbeiten müssen, dann sind wir wieder auf dem Stand wie vor 30 Jahren“, sagt ein Polier. An dieser Baustelle haben sich Arbeiter aus Halle versammelt, die von ihrer Firma am Bauvorhaben Nordkreuz eingesetzt sind. Da sie dem Tarifgebiet Ost angehören, erhalten die Männer lediglich 82 Prozent des Westlohnes. Als nicht hinnehmbar empfinden sie, dass die Ost-Arbeitgeber eine Erhöhung des dortigen Mindestlohnes ablehnen. „Das ist eine bodenlose Frechheit“, sagt ein Verschaler. „Wir machen die gleiche Arbeit und wollen das gleiche Geld.“

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