Berlin : Kämpfen für den Herrn

Erst verkauft, gestern erneut eingeweiht: St. Clemens ist wieder eine Kirche

Claudia Keller

Vor einem Jahr hatte das Erzbistum die Kirche wegen großer Finanznot verkauft, der Kirchenraum wurde entweiht. Renate Wiegner gab St. Clemens am Anhalter Bahnhof dennoch nicht auf. Zu begeistert war sie von den Exerzitien, die die Vinzentinerbrüder seit Juli 2006 dort abgehalten hatten, zu wichtig fand sie die Geschichte des Gotteshauses. Und überhaupt, dass es eine Kirche inmitten der Stadt gibt, die von neun bis 24 Uhr offen steht! „So etwas kann man doch nicht einfach aufgeben“, sagt Wiegner, 71 Jahre alt, fromme Katholikin und Kämpferin für den Herrn.

Sie gründete einen Förderverein, sammelte Spenden und überzeugte den britischen Investor, der das weitläufige Gelände gekauft hat, dass man so eine Kirche nicht abreißen könne. Der Förderverein mietete das Gotteshaus und eine Wohnung für den Priester. Ein neuer Altar wurde geliefert, und gestern weihte Kardinal Sterzinsky St. Clemens mit einem feierlichen Pontifikalamt wieder ein. Nun soll das Haus bald wieder den ganzen Tag über geöffnet sein, zweimal am Tag wollen die Vinzentiner Messen abhalten und mehrmals täglich Gebetsrunden anbieten.

„Es ist fast wie eine Liebesgeschichte“, sagt Wiegner und meint ihre Beziehung zu dem rot-weißen Backsteinensemble in einem Hinterhof an der Stresemannstraße. „Berlin braucht dringend einen Aufbruch im Glauben“, findet die ältere Dame. Vor allem junge Leute hätten wieder Sehnsucht nach Orten der Stille und Einkehr, und zwar mitten in der Stadt.

Aber wie soll dieses Bedürfnis befriedigt werden, wie ein Aufbruch zustande kommen, wenn die Gotteshäuser in der Regel geschlossen sind? Wenn das Erzbistum zu verschuldet ist, um neue Impulse zu geben? „Dann muss man eben selbst etwas tun“, sagt Wiegner und folgt dabei auch ein Stück weit dem Vorbild von Clemens August Graf von Galen. Das ist jener Kardinal, der als „Löwe von Münster“ Kirchengeschichte schrieb, weil er offen gegen die Euthanasiepolitik der Nazis wetterte. 2005 wurde Galen wegen seines mutigen Einspruchs von Papst Benedikt selig gesprochen.

Kardinal von Galen baute St. Clemens vor fast hundert Jahren mit dem Geld aus seinem Erbe. Außer dem Kirchengebäude errichtete er Wohnungen für die Handwerksgesellen des Kolpingvereins und Werkstätten, in denen sie ihrer Ausbildung nachgehen konnten. Denn mit der Industrialisierung strömten hunderttausende junge Männer in die Stadt auf der Suche nach Arbeit und einer neuen Heimat. Viele kamen aus dem Osten, viele waren katholisch.

Aber auch später sei St. Clemens wichtig gewesen. Politiker der Weimarer Republik seien zum Beten in die Kirche gekommen, die so praktisch direkt am Anhalter Bahnhof lag. Auch Nuntius Eugenio Pacelli, der spätere Papst Pius XII., sei hier oft Gast gewesen. Das hat Wiegner in den Kirchenarchiven recherchiert und sie erst recht bestärkt, sich für die Erhaltung des Gotteshauses einzusetzen. In der letzten Zeit fanden jedoch immer weniger Gläubige hierher. 2006 gelang den Vinzentinerbrüdern ein neuer Aufschwung, die große Schuldenkrise zwang das Erzbistum allerdings ein Jahr später zum Verkauf. Wiegner und ihr Förderverein hoffen nun, dass sie genug Spenden bekommen, um die Kirche aus eigener Hand als Exerzitienhaus betreiben zu können. Der Anfang ist gemacht. Claudia Keller

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