Berlin : Kämpfen ohne Fäuste

Der frühere Boxweltmeister Henry Maske unterstützt benachteiligte Jugendliche und bringt ihnen bei, Regeln zu akzeptieren – die Jungs bewundern ihn und hören auf ihn

Steffen Schulze

Er will seine Augen nicht sprechen lassen. Nur selten blickt er auf, vermeidet lange Zeit den Augenkontakt. Soziale Bindungen fehlen ihm. Marcel sucht nach Orientierung. Die Blicke suchen sich wenig später einen festen Punkt. Er hat wieder ein Ziel vor Augen – Henry Maske.

Der frühere Boxweltmeister hat Marcel besucht. Und mit ihm 39 andere Jugendliche im Jugendheim Gerswalde. Gerswalde, das ist einer dieser kleinen beschaulichen Orte im Uckermärkischen nahe Prenzlau, rund 80 Kilometer nördlich von Berlin. Die Wege der Jugendlichen hier gleichen sich allesamt. Wie der 17-Jährige Marcel aus Berlin-Marzahn stammen die meisten aus zerrütteten Familienverhältnissen, sind oft straffällig, in jedem Fall aber vernachlässigt worden. Nach dem Rausschmiss aus der Schule vermittelt das Berliner Jugendamt Marcel in die Idylle von Gerswalde. Wohl ein schroffer Gegensatz zu den Betonburgen in Marzahn. Maler und Lackierer kann er hier nun werden. Nicht gerade sein Traum. Denn Marcels Interesse gilt doch eher Computern und dem Webdesign. Eine eigene Präsentation über Gerswalde hat er eigens für den Besuch des Box-Champions auf dem PC erstellt. Sein Interesse dafür ist jedoch nie gefördert worden. Seit Oktober beißt er sich durch den für ihn eher eintönigen Alltag. „Es ist langweilig hier“, gibt er zu. Aber jetzt ist Henry Maske hier.

„Vor vier Jahren habe ich geahnt, dass Jugendliche Hilfe brauchen“, sagt Maske, „heute weiß ich es.“ Maske ist selbst Vater von drei Kindern und hat 1999 den „Henry Maske Fonds“ gegründet, der seinen Sitz in Berlin hat. Er finanziert sich ausschließlich aus Spenden, hat nur eine hauptamtliche Mitarbeiterin. Die Förderanträge haben um ein Vielfaches zugenommen. Ein Indiz dafür, dass sich der Staat aus vielen Präventivprojekten zurückgezogen hat, der Bedarf deswegen aber nicht weniger geworden ist. Maske sagt in die Runde: „Niemand wird schließlich als Krimineller geboren. Da sollte es uns zu denken geben, welche Tendenzen wir zulassen.“

Aber was erwartet man von einem ehemaligen Boxer, der sein soziales Engagement für benachteiligte Jugendliche entdeckt hat? Es sind Jugendliche, die auf dem besten Weg waren, auf die schiefe Bahn zu geraten. In der 1000-Seelen-Gemeinde Gerswalde hat Maskes Fonds für 200 000 Euro eine Lernwerkstatt errichtet. Denn Henry Maske steigt nicht mit den Jugendlichen in den Ring. Er braucht nicht die dicken Fäustlinge, um zu vermitteln, was es braucht, sein Leben besser in den Griff zu bekommen. „Sich nicht immer gleich zurückziehen, sich durchbeißen und auch mal zu kämpfen. Vor allem aber Regeln zu respektieren“, sagt Maske. In Gerswalde sollen die überwiegend aus Berlin stammenden Jugendlichen erst einmal wieder „lernen zu lernen“, erzählt der 39-jährige Maske. Er ist nicht zum ersten Mal hier. Die Scheu dem Star gegenüber haben sie hier schnell abgelegt, umringen ihn aufgeregt. Sie bewundern ihn. Jugendliche wie Marcel brauchen einen Ansporn. Vielen hier fehlt das Interesse zu lernen oder zu arbeiten. Auch eine Regelmäßigkeit im Tagesablauf kennen viele nicht.

Marcel hat ein wenig Mut gefasst. Er fängt an, etwas von sich und seiner Vergangenheit zu erzählen. Zu seiner Mutter hat er den Kontakt abgebrochen. „Von meinen Freunden meldet sich auch keiner mehr, seitdem ich hier bin“, sagt Marcel. Er ist groß, blond und in seiner Stimme schwingt viel Enttäuschung mit. Immer wieder schaut er auf den Boden, wenn er erzählt. Einmal im Monat fährt er nach Berlin. Dann besucht er seine Oma, das ist aber auch schon der einzige Grund.

Henry Maske hat ihm zwar heute noch nicht die Hand gegeben, aber Marcel lässt sich nicht abschütteln. Er drängt sich zu dem Boxer durch und ergattert ein Autogramm mit einer persönlichen Widmung für seinen Großvater. Das hat sich Marcel sehr gewünscht und seinem Opa schon lange versprochen. Er wird Wort halten. Maske zwinkert ihm zu. Marcel hält dem Blick stand.

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