Berlin : Käpt’n Iglu

Manfred Richter befreit täglich fest gefrorene Kohlenpötte. Er steuert den Eisbrecher „Seeotter“ durch die Spree

Christian van Lessen

Noch liegt die „Kreuz-As“ in dickem Eis auf der Spree am Tegeler Weg vor Anker. Schon aber beginnt das gerade noch fest gefrorene Ausflugsschiff leise zu schwanken und die Schwäne am Ufer bekommen lange Hälse. Polternd und knirschend nähert sich vom Westhafenkanal die „Seeotter“. Das Eis kriegt Sprünge, die Schollen verneigen sich kurz voreinander, tauchen ins grünliche Wasser und verteilen sich auf dem Fluss.

Das Eis ist gebrochen, für wenige Stunden, aber immerhin. Nun können die Kohlenpötte vom Westhafen wieder die Kraftwerke ansteuern. Die „Seeotter“, einer von fünf Berliner Eisbrechern, hat ganze Arbeit für die Berliner Stromversorgung geleistet, auf ihrer einsamen und leicht lärmenden Tour zwischen Klingenberg, dem Mühlendamm und dem Westhafen.

Die Eisschicht auf der Spree in Charlottenburg ist am Sonnabendmittag zehn Zentimeter dick, was den 305-PS-Motor der Seeotter nicht mal ins Stottern bringt. Schiffsführer Manfred Richter und sein Matrose Thomas Redel haben schon ganz andere Schichten durchbohrt. Am Mühlendamm war das Eis morgens sogar einen Meter dick. Da hilft nur Anlauf nehmen. „Wir hatten richtig zu kämpfen“, sagt Seebär Richter. Aber der runde Bug seiner Seeotter ist mit einer dicken Stahlplatte versehen, die lässt dem härtesten Berliner Eis keine Chance. An den Brücken wird es manchmal etwas kritisch, da sammeln sich im freigeräumten Fahrwasser gern dicke Schollen-Hindernisse. Von sieben bis 17 Uhr fahren Richter und Redel täglich in der Eiszeit ihre Tour durch Berlin, und das Eis, das sie vor wenigen Stunden in Köpenick in Schollen gelegt haben, schwimmt ihnen bei der Rückkehr aus Charlottenburg im Strom entgegen.

Es könnte gemütlich sein auf dem Eisbrecher. Es gibt achtern eine kleine, gut geheizte Kombüse und sogar eine Schlafkoje, in der sich die beiden aufs Ohr hauen könnten. Machen sie natürlich nicht, weil sie in Fürstenberg wohnen und morgens zum Hafen am Mühlendamm mit der S-Bahn anreisen. Dass es dennoch an Deck etwas ungemütlich ist, liegt am tiefergelegten Steuerhaus. Wegen einiger Brücken muss die Steuerkabine eingezogen werden. Aber seit Freitag lässt sie sich nicht mehr hydraulisch heben. So kann Eisbrecher Richter seine „Seeotter“ nur mit eingezogenem Kopf lenken. Als er abends am Mühlendamm festmacht, ist die „Kreuz-As“ in Charlottenburg schon wieder fest geforen.

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