Berlin : Käthe Be (Geb. 1959)

Ein Künstler ohne Sparte, ein Geschäftsmann ohne Firma.

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Sein Wille, sich eine selbstbestimmte, von Klischees befreite Existenz zu schaffen, zeigte sich schon im Grundschulalter. Während andere Jungen „Iiiih-Mädchen!“ riefen, bat er darum, „Käthe“ genannt zu werden. So hieß seine Kinderbuchheldin.

Das war in Hütten, einem Dörfchen oberhalb von Kiel, wo die Mutter eine Gastwirtschaft betrieb. Der Erziehungsbeitrag des getrennt lebenden Vaters fiel bescheiden aus: Käthe berichtete von einem rasch beendeten Entführungsversuch und ein paar Einladungen zu Spritztouren im Auto. Auch von den vier älteren Halbschwestern erzählte Käthe später wenig. Kam die Rede hingegen auf seine Mutter, geriet er ins Schwärmen. Von ihr, die alle großen Feste des Dorfes ausrichtete, lernte er, den Alltag in ein Ereignis zu verwandeln.

Dennoch beschritt er zunächst den Weg, den ein Junge aus Hütten eben geht, selbst wenn er Käthe heißt: Er absolvierte den Wehrdienst, machte eine Lehre zum Elektriker und arbeitete bei der AEG.

21 Jahre alt war er, als er beschloss, das Angestelltenleben gegen ein Käthe-Leben zu tauschen. Es war 1981, und man hörte wilde Geschichten aus West-Berlin. Käthe wollte, musste teilhaben. So kam er an: ein kräftiger junger Mann mit rasierter Glatze und leuchtend blauen Augen im Matrosengesicht. Bei einer alten Dame in Kreuzberg bezog er sein erstes Berliner Zimmer.

Und begann ein Leben, das sich jeder Zuordnung entzieht: Käthe wurde ein Künstler ohne Sparte, ein Geschäftsmann ohne Firma, ein Gastwirt, der sich selbst der liebste Gast war.

Er stellte bearbeitete Röntgenaufnahmen aus, teils als Bilder, teils als Lampenschirme. Er vertrieb eine mit Flüssigkeit gefüllte Postkarte. Er führte das Kreuzberger Fischlabor und später die Be-Bar, Überraschungsgast am Mikrophon: Käthe Be, der mal ein Liedchen sang, mal aus seinem Adressbuch vorlas.

Was Käthe auf die Idee brachte, mit einer brennenden Kerze auf der Glatze durch Berlin zu spazieren, weiß niemand mehr zu sagen. Ein schöner, heiter-melancholischer Anblick, der die Leute aufschauen ließ: Engel? Punk? Verrückter? Clown? Sie fragten nach – und verstanden: Das ist Käthe. Käthe, der das Aneinandervorbeilaufen in Begegnung wandelte.

Die Käthe-Postkarten verkauften sich bis nach Japan. Der Supermarkt „Bolle“ nahm ihn aufs Werbeplakat, Performance-Künstler engagierten ihn, Talkshows luden ihn ein. In New York begann man sich für den Berliner Untergrundstar zu interessieren, Käthe reiste an, und fuhr mit brennender Kerze auf dem Schädel in der U-Bahn durch Brooklyn.

Und konnte resümieren: „New York? Das Tolle ist ja, wenn man sagt, dass man da gewesen ist, da reden die Leute gleich ganz anders mit einem.“

Zum Kunstmarkt: „Gleich am Anfang kam so’n Galerist an und hat gefragt, ob ich schon was verkauft hätte. Drei bis vier Teile, habe ich einfach so dahingesagt, und, zack, hat er sich auch eins gekauft.“

Zu den Medien: „Irgendwie bin ich in so’n Mediensog reingekommen. Da hab’ ich echt gemerkt, dass ich ’n bisschen arrogant geworden bin. Aber nur kurz, paar Minuten, schätz’ ich.“

Künstler, die ihn nach einer erfolgreichen Zusammenarbeit für ein ähnliches Projekt engagieren wollten, erhielten eine schroffe Abfuhr: „Ich wiederhole mich doch nicht!“

Doch mit West-Berlin schwanden zunehmend die Möglichkeiten für die tagtägliche Neuerfindung des Lebens. Existenzängste kamen auf. Käthe hatte die Wahl: Hartz IV oder Jobs. Leise grummelnd heuerte er an, als Schauspieler, als Setrunner, als Möbelhändler, als Handwerker. Und blieb immer Käthe Be.

1995, kurz bevor Berlin-Mitte sich in eine Hochglanzfestung wandelte, bezog er eine leere Ladenwohnung am Hackeschen Markt. Eine Freundin hatte gesagt, dass sie sich nur in ihrem Bad wirklich frei fühle. „Das ist doch krank, dass man sich nur dort wohlfühlt, wo man nicht beobachtet wird“, fand Käthe. Und beschloss, gegen diese Angst vor dem fremden Blick anzuwohnen.

Sein Bad ließ er per Videokamera auf einem Bildschirm sichtbar werden. „Kunst ist das eigentlich nicht, was ich hier mache, aber das wahre Leben ist es erst recht nicht“, erklärte Käthe den Journalisten. Touristen, Passanten, Bauarbeiter und Nachbarn blieben stehen, klopften, setzten sich zu ihm.

Man kann sagen, dass Käthe frei nach Beuys einen erweiterten Gastwirtschaftsbegriff lebte: Wie einst die Mutter schuf er Raum für Nähe und Begegnung.

Zu seinen letzten Plänen gehörte die Anfertigung eines Puzzles, das eine Fotografie von 1993 zeigen sollte: Käthes Hinterkopf mit Kerze vor den Twintowers. Mit dem Puzzle alles wieder flicken: die Türme, und auch Käthe, der zu der Zeit schon von seinem Hirntumor wusste.

Auch wenn er kinderlos war und kein Freund von Endlosbeziehungen, so war er doch nie allein in der Zeit seiner Krankheit, hatte gute Freunde, die sich um ihn kümmerten, einfach weil Käthe Käthe war. „Wer sind Sie, dass bei Ihnen so viele schöne Frauen ein- und ausgehen?“, fragte einer der Ärzte.

In seinen letzten drei Monaten kehrte er dahin zurück, wo alles begonnen hatte: nach Hütten, zu seiner Mutter, die bis zum Schluss bei ihm wachte.

Käthe Be hat seine Karriere nicht berechnet und sein Leben nicht kalkuliert. Es gibt kein Werkverzeichnis und keinen tabellarischen Lebenslauf. Nun wird das alles zusammengetragen. Eine Käthe-Be- Retrospektive ist in Planung. Anne Jelena Schulte

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