Berlin : Käthe Hagemeier, geb. 1916

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Sie war wählerisch. So wählerisch, dass sie erst mit 32 heiratete. 1948 war das, und manch einer in Oechsen hatte schon gemeint, die Käthe würde als alte Jungfer enden. Oechsen ist ein 800-Seelen-Örtchen in der Rhön - eine Gegend, die man heute als strukturschwach bezeichnen würde. Industrie gab (und gibt) es hier kaum, die Böden liefern keine großartigen Erträge. Käthes Vater war Bauer und konnte es sich nicht leisten, seine Kinder länger als acht Jahre zur Schule zu schicken. Zur Käthe hatten sie zwar gesagt, sie wäre für eine bessere Bildung geeignet, aber es ging eben nicht. So wurde sie Haushälterin.

Bis sie mit 32 endlich heiratete. Einen Mann, der doppelt so alt war wie sie. Sie hatte ihn auf dem Bahnsteig kennen gelernt, auf seinem Bahnsteig. Heinrich Hagemeier war eine gute Partie, ihm gehörte ein Steinbruch in der Nähe, und er hatte die Schmalspurbahn, die durch Oechsen fuhr, bauen lassen. Er war ein stattlicher Herr, fast 1 Meter 90 groß. Von stattlicher Statur war auch sie - nur unwesentlich kleiner als ihr Mann und wohl proportioniert. Der Altersunterschied war zunächst ein bisschen irritierend, zwei von Heinrich Hagemeiers vier Kindern aus erster Ehe waren älter als ihre neue Stiefmutter. Das Verhältnis wurde aber bald ein sehr gutes. Dazu trug nicht unwesentlich bei, dass Käthe den Kindern ihrer Stiefkinder eine wunderbar junge Oma war. Größere Probleme mit der Liaison hatten Käthes Eltern. Sie konnten sich anfangs gar nicht vorstellen, wie eine aus ihrem Haus zu einem so reichen und wichtigen Mann passen sollte.

Sie passte. Zumal gerade in den kargen Jahren nach dem Krieg Standesunterschiede keine große Rolle spielten. Heinrich Hagemeier, der schon fast das Rentenalter erreicht hatte, musste noch einmal ganz von vorne anfangen. Seine Firma lag in der sowjetischen Besatzungszone, er wurde enteignet, gab sein großes Haus auf und zog in den Westen. Der Umzug über die Zonengrenze war eine abenteuerliche Sache. Mit Leiterwagen zogen die Eheleute hin und her, brachten den Hausstand in den Westen und hofften nicht von den Grenzaufpassern erwischt zu werden.

Hagemeiers Familie, außer Käthe auch Geschwister und die Kinder aus erster Ehe, zog fast geschlossen in den Westen. Käthes Familie blieb in der Rhön. Heinrich Hagemeier, ein Energiebündel und Vollblut-Unternehmer, übernahm einen großen Steinbruch in der Nähe von Marburg, baute gleich daneben ein Haus und zeugte noch ein Kind. Käte Hagemeier gebahr ihren Sohn Volker 1951.

Nun war alles komplett. Sie hatte eine richtige Familie, es gab ein Haus und einen Garten, den zu pflegen ihr großes Hobby wurde. Und die Beziehung zu ihrem Mann hat, so berichtet es der Sohn, bestens funktioniert. Heinrich Hagemeier war zwar ein unduldsamer Patriarch. Da er aber bis ins hohe Alter die Firma leitete, hatte seine Frau zu Hause freie Bahn. Sie liebte ihren Mann. Als er 1970 85-jährig starb, war das der schlimmste Einschnitt in ihrem Leben. Alles war so schnell gegangen: Er war noch erstaunlich agil, brach sich bei einem Sturz einen Arm und wurde durch einen Pflegefehler so krank, dass Käthe Hagemeier ihn ein halbes Jahr lang pflegen musste, bis er starb. Ihren großen Mann so hilflos zu erleben, war für sie eine schwere Erfahrung.

Ihre Beziehungen zu Familie und Freunden in der Röhn hatte Käthe Hagemeier nie abbrechen lassen. Sie fuhr, so oft es die Reisegesetze zuließen in den Osten und besuchte ihre Leute. Sie wandelte ständig zwischen den Welten. Hier ihr westlich-gutbürgerliches Leben mit großem Haus, Empfängen und Bällen, dort die Kleinstadt am Rande der DDR, wo sie Röhnplatt sprechen. Käthe Hagemeier war für viele dort nicht nur gern gesehener Besuch, sie war auch die, die immer die Westpakete schickte. Ihr Sohn, Volker Hagemeier, erinnert sich noch gut an die riesigen Weihnachtsvorbereitungen. Da packte seine Mutter tagelang viele Dutzend Pakete und fuhr sie dann in mehreren Touren zum kleinen Postamt. Das lag für andere Sendungen dann brach.

Seit 1970 hatte Käthe Hagemeier allein das große Haus bei Marburg bewohnt, irgendwann war sie aber zu alt dafür. 1995 ließ sie sich überreden, wegzuziehen. Der Sohn wollte sie nach Berlin holen, sie wollte nach Oechsen. So suchte Volker Hagemeier dort eine Wohnung für die Mutter - und fand ein Dachgeschoss, 130 Quadratmeter, wunderbar ausbaubar. Das wäre die tollste Wohnung des Dorfes gewesen. So viel schicker als die der Oechsener, dass es Gerede gab, bevor überhaupt mit dem Ausbau begonnen wurde. Dabei war die Westtante durchaus beliebt, einigen wenigen in der kleinen Stadt ging der Wohnungsplan aber zu weit. Käthe Hagemeier war davon so enttäuscht, dass sie nun ihren Sohn eine Wohnung in Berlin suchen ließ. Der fand eine sehr Schöne, direkt am Lietzensee gelegen. Hier ist sie eines Tages eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht. Für die letzten fünf Jahre ihres Lebens war Käthe Hagemeier - eigentlich ungewollt - noch Berlinerin geworden.

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