Kahn "Helene" startet in die Saison : Theater an Bord

Mit einem Fest eröffnet der Theaterkahn „Helene“ am Sonntag seine zweite Saison. Früher transportierte das Schiff Kabel, nun ist es im Historischen Hafen vor Anker gegangen.

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Bühne ahoi. Kino, Krimi, Kinder, Comedy, Berliner Miljöh - das sind die Sparten des von Karsten Goerlitz und Constanze Jungnickel betriebenen Theaterkahns "Helene" im Historischen Hafen
Bühne ahoi. Kino, Krimi, Kinder, Comedy, Berliner Miljöh - das sind die Sparten des von Karsten Goerlitz und Constanze Jungnickel...Foto: DAVIDS

Ein Daumenbreit. So viel genieteter Stahl trennt den Besucher von der Spree. „Ungefähr da, wo Ihr Kopf ist, befindet sich die Wasserlinie“, sagt Karsten Goerlitz. Noch ist es schummrig im Bauch des Schiffes. Man meint die vielen Tonnen Kabel zu riechen, die es jahrzehntelang transportiert hat. Die Kabel allerdings, die heute hier hängen, haben eine andere Funktion: Sie bringen Licht auf die Bühne.

Die „Helene“ ist Berlins erster Theaterkahn. Sie liegt im Historischen Hafen am Märkischen Ufer vor Anker. Im Vorjahr hatten Karsten Goerlitz und Constanze Jungnickel das schwimmende Theater eröffnet, nun beginnt ihre zweite Saison. „Ich habe mir damit einen Traum erfüllt“, sagt Jungnickel. Die gebürtige Bautzenerin war Künstlerische Leiterin des Theaterkahns Potsdam, bevor sie sich mit ihrem eigenen Schiff selbstständig gemacht hat. Karsten Goerlitz stammt aus Frankfurt (Oder) und hat dort das inzwischen leer stehende „Kino der Jugend“ geleitet. Nach der Wende betrieb er in Berlin unter anderem das Freiluftkino auf der Museumsinsel. Jetzt haben die beiden die „Helene“ gepachtet, und nachdem die Besucherzahlen zum Ende der vergangenen Saison anzogen, blicken sie voller Zuversicht auf ihren zweiten Sommer.

Natürlich wissen sie, dass es Chuzpe braucht, ausgerechnet in Berlin, wo täglich weit über 1000 Veranstaltungen stattfinden, ein neues Theater zu eröffnen. Aber sie bauen auf einen besonderen Faktor: Ihre Besucher verlassen das Land. Auf den fast 52 Metern des Schiffes finden hintereinander Bar, Bühne, Hinterbühne und Werkstatt Platz. Das Programm besteht aus mehreren Sparten: Kino, Krimi, Kinder, Comedy (ab 4. Mai mit dem Duo Griesbach & Schrader) und natürlich immer wieder: Berliner Miljöh. Claire Waldoff, Kurt Tucholsky und Heinrich Zille sollen hier wiederaufleben – und Otto Reutter (1870–1931), Salonhumorist und Vortragskünstler, der im alten Berliner Wintergarten Erfolge gefeiert hatte. Jetzt trägt Schauspieler und Regisseur Hellmut Gaber – selbst ein wandelndes Geschichtsbuch, er hat 30 Jahre ein Restaurant am Kurfürstendamm und später ein Mini-Theater geführt – ab 27. April Couplets von Reutter vor. Schon an diesem Sonntag wird Saisoneröffnung gefeiert – zunächst mit einem Piratenfest. Das passt zum Thema „Wasser“, aber Piraten sind ja auch in anderen Bereichen zur Zeit groß in Mode. Später gibt es Ausschnitte aus dem Saisonprogramm.

Wer das Fest besucht, kann gleich noch einen schönen Spaziergang durch ein zentrales, doch weitgehend aus dem städtischen Bewusstsein gelöschtes Viertel machen. Der Historische Hafen ist ältestes Berlin, gleich am anderen Ufer liegt die Spreeinsel. Dort wurde mit dem Abriss des Fischerkiezes in den sechziger Jahren die alte Stadt in großem Stil entsorgt. Allerdings wohnen in den stattdessen hingestellten Scheibenhochhäusern immer noch 30 000 Menschen, jedes Haus ein Dorf für sich. Aber nur wenige finden von dort den Weg zum Theaterkahn. „Die meisten unserer Besucher sind zwar Berliner, aber nicht aus Mitte, sondern aus Lichterfelde oder Köpenick“, sagt Goerlitz.

Was sie für den Historischen Hafen halten, ist aber nie Hafen gewesen. Das Areal trägt erst seit Mitte der neunziger Jahre diesen Namen. Es wird von drei Vereinen getragen, die hier alte Schleppkähne vor dem Verfall retten. „Berlin wurde aus diesen Kähnen heraus erbaut, sie brachten Millionen von Ziegelsteinen in die Stadt, ein in Deutschland einmaliger Stadtbauprozess“, erzählt Manfred Pflitsch, Besitzer der „Helene“. Das Schiff hat er nach seiner Mutter benannt, es wurde 1927 im niederländischen Groningen gebaut und kam nach dem Krieg im Kabelwerk Oberspree zum Einsatz. So verlässt man beim Betreten des Theaterkahns nicht nur Land, sondern betritt zugleich ein großes Stück Berliner Geschichte.

,Helene“, Märkisches Ufer, Saisoneröffnung heute, 15 Uhr, mit einem Piratenfest. Ab 19 Uhr treten alle Künstler der kommenden Spielzeit auf und präsentieren Ausschnitte aus ihrem Programm. Infos im Internet unter www.theaterkahn-berlin.de

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