Berlin : Kaiser aus Virginia

Ein Amerikaner spielt heute Nachmittag Napoleon. Um 15 Uhr reitet er durchs Brandenburger Tor

Thomas Loy

Die Preußen haben am Poststadion schon ihre Zelte aufgebaut. Ragnar Vagmornasson, schwedischer Schotte im Dienst der „sechspfundigen Fußbatterie Nr. 16 von Spreuth“, steht Pfeife rauchend in seiner Uniform und weiß noch gar nicht, was er tun soll, wenn die Franzosen in Berlin einmarschieren. Bis jetzt ist noch kein Franzose zu sehen. Sicher ist nur, dass Napoleon in der Stadt ist.

Das Feldlager der Feinde ist auch das eigene. So ist das immer, wenn Postbeamte, Kioskbetreiber und Klempner am Wochenende in eine Uniform schlüpfen und irgendwo eine Schlacht nachspielen. Vagmornassen, früher mal Militärpolizist, spielt eigentlich einen Soldaten bei der „42. Blackwatch“, einem schottischen Regiment, aber weil er in Berlin lebt und die Preußen so viele Kriege geführt haben, hat er als Brandenburger Pionier einfach mehr zu tun.

Während die Preußen für ihre Gegner schon mal die Zelte aufbauen, schlüpft Napoleon Unter den Linden in seine Uniform für den ersten Fototermin am Brandenburger Tor. Vorher hat er noch kurz seine E-Mails gelesen. Schließlich hat man Familie und einen Job – drüben in Amerika. Mark Schneider ist einer der renommiertesten Napoleon-Darsteller weltweit. Er kann in Englisch oder Französisch stundenlang mit viel Pathos und ohne Skript über seine großen Siege und Niederlagen sprechen. Schneider kommt aus Virginia und arbeitet am Historischen Museum in Williamsburg. Dort wird die Geschichte des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs szenisch nachgespielt, und Mark Schneider ist dort festangestellter Historienschauspieler.

Den Napoleon gibt er in seiner Freizeit. Schon als Kind war er völlig verrückt nach Geschichten um den Feldherrn. „Es vergeht kein Tag, ohne dass ich etwas über Napoleon lese“, sagt Schneider in seiner leicht ins Poetische driftenden Sprache. Seine Mutter ist Französin, damit war das Sprachproblem erledigt. Schneider ist genauso klein und hat das gleiche Alter wie Napoleon – nur um 200 Jahre zeitversetzt. Vor zwei Wochen hat er in Jena und Auerstedt Friedrich Wilhelm III. geschlagen, dann ist er zurück nach Virginia geflogen. Den Einmarsch seiner Truppen in Berlin wollte er aber nicht verpassen. Deshalb setzte er sich wieder ins Flugzeug. Es ist sein erster Berlin-Aufenthalt, und er findet die Stadt überwältigend – „Berlin atmet Geschichte.“ Napoleon selbst war wohl weniger enthusiastisch. Das gibt auch sein Double zu. Insgesamt lässt er aber nichts auf den Kaiser der Franzosen kommen. „Napoleon hat viel getan für die Einigung Deutschlands.“

Schneider war vier Jahre bei der US Army, stationiert in Deutschland und Bosnien. Das Militärische interessiert ihn besonders. „Napoleons Schlachten werden noch heute in den USA studiert.“ Ein Freund entdeckte seine Ähnlichkeit mit dem Eroberer. Da besorgte er sich die richtige Uniform , und sein zweites Leben als Napoleon begann.

Heute also werden ihm die Berliner ihren Stadtschlüsssel aushändigen, genau um 15 Uhr am Brandenburger Tor. 200 Soldaten sollen mit ihm zusammen bis zum Lustgarten marschieren. Napoleon wird vom Pferd herab einige Worte an seine Anhänger richten – am Text muss er noch feilen.

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