Berlin : Kaiserstein

Frank Jansen

Was für ein Name! Über dem Eingang steht sogar in Großbuchstaben: KAISERSTEIN. Und zwischen KAISER und STEIN prangt eine dreizackige Krone. Diese Wucht ist selbst von deutschen Hammerworten wie „Watzmann“ oder „Völkerschlacht“ kaum zu übertreffen. Die Historie des Kreuzberger KAISERSTEIN ist allerdings nicht ganz so martialisch wie die des Gemetzels von Leipzig. Kaiser Wilhelm I. soll vor Truppenparaden auf dem Tempelhofer Feld, dem heutigen Flughafen, von einer Kutsche auf ein Pferd umgestiegen sein – über einen großen Findling. Heißt es zumindest auf der KAISERSTEIN-Homepage.

Wo der Findling lag, errichtete 1874 der Hofbaurat Ernst Klingenberg (auch dieser Name lässt sich markig intonieren) ein erkerbewehrtes Wohnhaus, das immer noch in voller Gründerzeitpracht zu bewundern ist. Im Erdgeschoss wurde eine Restauration mit dem Namen „Zum Kaiserstein“ eingerichtet. Erstaunlicherweise präsentiert das „Restaurant-Cocktailbar-Biergarten“ mehr als 130 Jahre später ein kraftvoll preußisch tönendes Label. Was sind da für Drinks zu erwarten? Ein Hohenzollern Sling oder gar ein Wilhelm on the Beach? Der große vordere Raum lässt glücklicherweise jede Zackigkeit vermissen. Die Gäste sitzen, kreuzbergtypisch, an schwarzen Holztischen, auf denen Kerzen flackern. Der Tresen wäre ebenfalls nur düster, würde nicht ein orange schimmerndes Lichtband das Korpus aufhellen. Der hintere Raum atmet hingegen altdeutsche Historie. Das Kreuzgewölbe erinnert an mittelalterliche Gotteshäuser, rot angepinselte Gotik senkt sich auf das Publikum hernieder. Das allerdings in modernistisch tiefen Lounge-Sesseln an niedrigen Tischen sitzt. Ein netter Stilbruch. Der Saal kann aber auch mit klassischen Holztischen und Kneipenstühlen preußisch aufgepeppt werden, zum Beispiel für ein größeres Essen. Flexibler als ein Findling ist das Kaiserstein also allemal.

Der drinking man und ein compañero bekamen von einer sehr aufmerksamen Servierdame zunächst einen klassisch-starken Mai Tai sowie einen sehr guten Planter’s Punch gebracht. Es folgten ein geschmacklich einwandfreier Hurricane und ein überraschend schaumiger Gin Tai, der außerdem mit Ananassaft komponiert war – das musste nicht sein, minderte aber keinesfalls den Genuss. Unter dem Kreuzgewölbe lässt es sich gut trinken. Wer jedoch übertreibt, so ist zu vermuten, hört irgendwann mönchische Choräle.

KAISERSTEIN ist also doch nur Kaiserstein. Aber vielleicht muss in diesen Zeiten selbst in Kreuzberg ein Restaurant-Cocktailbar-Biergarten wuchtig locken, um zu überleben. Womöglich taucht sogar in der Stadt demnächst ein „Watzmann“ auf. Aber bitte keine „Völkerschlacht“.

Kaiserstein, Kreuzberg, Mehringdamm 80, Tel.: 78 89 58 87, täglich geöffnet von neun Uhr morgens bis ein Uhr nachts.

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