Berlin : KALENDERBLATT

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Der Volksaufstand in der DDR am 17. Juni 1953 hatte eine dramatische Vorgeschichte. Der Tagesspiegel schildert die Ereignisse des Juni 1953 in einem täglichen Kalenderblatt. Heute: der 14. Juni 1953.

Jetzt begehrt auch noch die Parteibasis auf: Aus den DDRBezirken melden die örtlichen Parteifunktionäre ans Zentralkomitee, dass verstärkt auch SED-Mitglieder den eingeschlagenen Kurs der Parteiführung kritisieren. Auf Unverständnis stoßen bei den Parteimitgliedern vor allem das Entgegenkommen gegenüber den Großbauern und die zahlreichen Haftentlassungen. Funktionäre der staatlichen Jugendorganisation FDJ kritisieren, dass „nunmehr die Junge Gemeinde praktisch legalisiert und damit die Spaltung der Jugendbewegung vorhanden ist“. Gleichzeitig kommt es in mehreren Kreisen vor, „daß Genossen fragen, ob es jetzt keinen Klassenkampf mehr gäbe“.

Der Rundfunk im Amerikanischen Sektor (Rias) sendet einen Kommentar von Herbert Wehner zum Kurswechsel der DDR-Führung. Darin mutmaßt Wehner – wie sich später herausstellen sollte, zu Recht –, dass die politische Wende auf Druck Moskaus zustande komme.

In den Betrieben verschärft sich derweil der Widerstand gegen die Erhöhung der Arbeitsnormen bei gleich bleibenden Löhnen weiter. In der Geraer Woll- und Seidenweberei sprechen sich sogar Partei- und Gewerkschaftsfunktionäre gegen die Normerhöhungen aus. In anderen Betrieben kommt es zu kurzfristigen Streiks – etwa im Ifa-Karosseriewerk Halle, in der Baumwollspinnerei Leipzig und in der Maschinenfabrik Meuselwitz. Insgesamt wird festgestellt, „dass die Feindtätigkeit zugenommen hat und stellenweise organisierter auftritt“.

Unruhe herrscht überall, auch auf dem Land, wo aus dem Westen zurückkehrende Großbauern vielerorts mit Glockengeläut und Blumen empfangen werden. Auflösungstendenzen und Austritte aus der SED werden vor allem aus den Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) gemeldet, in denen sich viele frühere Landarbeiter organisieren mussten. Wegen der Rückgabe von Land und Vieh an Großbauern macht sich in vielen LPG Unmut breit. In Eckolstedt (Kreis Apolda) stellt ein Großbauer während einer Versammlung gar den Antrag, den Aufbau des Sozialismus abzuschaffen und die LPG aufzulösen. In einer Entschließung wird die Neuwahl des Gemeinderates und der Ausschluss der drei SED-Vertreter, die sofortige Ablösung des Bürgermeisters, der Rücktritt der Regierung und die Durchführung von Neuwahlen gefordert.sto

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