Berlin : Kalkulierte Provokation

Rammstein, Katharina Thalbach, Opern-Star René Pape und die Dresdner Sinfoniker auf einer CD – die Deutsche Grammophon versucht sich in einer neuen Disziplin

Philipp Lichterbeck

Muss es ausgerechnet Rammstein sein? Ja, es muss Rammstein sein! Denn würde sich jemand dafür interessieren, wenn die Dresdner Sinfoniker zu Texten von Pur musizierten? Die Berliner Band Rammstein aber verspricht Kontroversen. Zur CD-Vorstellung im Universal-Gebäude am Freitagmittag, unter deren Dach das renommierte Klassik-Label Deutsche Grammophon sitzt, drängten sich die Journalisten. Im achten Stock, hoch über der vernebelten Spree, gab es zum Aufwachen einen aufwändigen Drei-Minuten-Film, anschließend Hörproben aus der CD: „Mein Herz brennt“.

Vielleicht traute sich deshalb keiner der Medienvertreter zu lachen als Musik von Wagnerschen Dimensionen aus den Lautsprechern quoll und René Pape, Sänger der Deutschen Staatsoper Berlin, raunte: „Ich durfte keine Nippel lecken, hatte keine Falte zum Verstecken.“ So weit die Klassik-Version des Rammstein-Stücks „Mutter“. Die Vorgeschichte des Projekts ist schnell erzählt. Der 35-jährige Produzent Sven Helbig beauftragte den Dresdner Komponisten Torsten Rasch mit der Vertonung von acht Rammstein-Texten. Helbig wolle sich beim Lesen der Texte an deutsche Lyrik aus dem 18. und 19. Jahrhundert erinnert gefühlt haben. Die Dresdner Sinfoniker, bekannt für ihre Experimentierfreude, haben die Stücke unter dem englischen Dirigenten John Carewe eingespielt.

Es ist „ein Kunstwerk, das nach Auseinandersetzung schreit, von dem sicher ist, dass es Anlass zu Kontroversen geben wird“, heißt es bei der Deutschen Grammophon. Genau auf diesen Effekt spekuliert das gebeutelte Plattenlabel, das besonders bei jungen Leuten einen schweren Stand hat. Dazu muss man wissen, dass Rammstein wegen der Verwendung von Ausschnitten aus Leni Riefenstahl-Filmen (auch dies eine kalkulierte Provokation) und nicht zuletzt wegen seines martialischen Auftretens bis heute wiederholt Faschismus-Vorwürfen ausgesetzt ist. Selbst wenn die Band dies von sich weist, insbesondere in den USA verstehen Jugendliche beispielsweise die Zeile „Hei-, Hei-, Hei- …heirate mich" als Heil-Rufe.

Bei Universal will man bei den Texten dagegen eine Verbindung zur deutschen Romantik ausgemacht haben. René Pape gibt zu, sich gar melancholisch und sentimental gefühlt zu haben: „Selbst leise Phrasen haben eine unglaubliche Aussage.“ Hören wir also noch mal rein: „Lass mich deine Tränen reiben, übers Kinn nach Afrika“, so deklamiert Katharina Thalbach in „Sehnsucht“. Währenddessen umziehen Dunstschwaden den achten Stock . Man rückt zusammen bei so viel deutscher Schwere. Die Tränen reibt sich hingegen keiner.

Die Dresdner Sinfoniker präsentieren „Mein Herz brennt“ am 21. November in der Arena in Treptow .

0 Kommentare

Neuester Kommentar