Berlin : Kameras, Leuchten, klingelnde Handys

Zentrum des Medieninteresses: Im Abgeordnetenhaus tummelten sich die Journalisten – sogar aus Indien

Sebastian Leber

Wenn dieser Mann Moderator wäre, müsste sich das ZDF um Einschaltquoten keine Sorgen machen. Lässig steht er hinter dem Interview-Pult, verzieht die Mundwinkel abwechselnd nach oben und unten, zwinkert verführerisch in die Kameras. Leider sind es nur die Handykameras seiner Kollegen. Und der Mann gehört zum Technik-Team des ZDF. Irgendwie muss man die Zeit ja rumkriegen.

Um zwei Uhr nachmittags, vier Stunden vor Schließung der Wahllokale, ist das Berliner Abgeordnetenhaus in der Niederkirchnerstraße fest in Medienhand. 760 Redakteure, Fotografen, Moderatoren und Tontechniker haben sich angemeldet, viele von ihnen sind schon vor Ort. Auch einige internationale Zeitungen haben Mitarbeiter geschickt, der mit der weitesten Anreise kommt aus Indien. Das einzige ausländische Fernsehteam ist aus der Türkei.

Während die ZDF-Mitarbeiter schon alles vorbereitet haben und Späße machen, müssen die Kollegen vom Nachrichtensender N24 noch aufbauen. Sie haben keinen eigenen Raum zur Verfügung, müssen ihr Studio in einer Ecke des Flurs einrichten. Kameras und Leuchten stehen bereits. Aber der Hintergrund macht nichts her. Da steht ein Blumentopf an der Wand. Der stört, meinen die Mitarbeiter. Zum Glück weiß einer, wo es noch einen Aufsteller mit Senderlogo gibt.

Zeitungsredakteure sind noch nicht da, nur der Mann von der Nachrichtenagentur dpa baut schon mal seinen Laptop auf und guckt, wie er seine Internetverbindung herstellt. Richtig gestresst ist Petra Sertcan. Die Pressereferentin des Abgeordnetenhauses ist Ansprechpartnerin für die Medienvertreter – und ist pausenlos im Einsatz. Sie muss hier einem Journalisten helfen, der seinen Presseausweis zu Hause vergessen hat, dort mal eben hundert Meter Kabel organisieren. „Aber insgesamt alles im grünen Bereich“, sagt Sertcan. Wird schon schief gehen heute Abend.

Ein Stockwerk höher bereiten die Parteien ihre Sitzungssäle vor. Für die Jubel- oder Trauerfeiern am Abend, je nachdem. Die Linkspartei ist optimistisch: Ihre Mitarbeiter blasen riesige Luftballons auf, decken die Tische mit Blumengedecken. An der Wand steht ein Klavier, das extra gestimmt wird. Wenn jetzt noch das Wahlergebnis stimmt, wird’s eine große Party. Der Sitzungssaal gegenüber gehört heute der CDU. Da wird das Geschirr fürs Buffet aufgebaut. Ein „Buffet auf Berliner Art“ soll es werden – mit Matjesfilet, Kartoffelsalat, Mini-Buletten mit Senf. Die Grünen nebenan sind noch nicht so weit. Da lassen nur fünf Tische erahnen, dass es auch hier was zu essen geben wird. Und wenn nicht, ist das auch nicht so schlimm: Die offizielle Wahlparty der Grünen soll ein paar hundert Meter weiter im Sony-Center steigen.

Unten bei den Journalisten füllt sich der Flur. Die ZDF-Mitarbeiter haben den Aschenbecher am Treppenhaus in Beschlag genommen. Die Kollegen von RBB und TV Berlin rätseln über das Wahlergebnis. Bekommt Pflüger 21 oder 23 Prozent – und wäre das ein Erfolg? Aber dann sind sie bald wieder bei politikfernen Themen. Echt komisch, dass Bayern gegen Bielefeld verloren hat. Noch weiter den Gang runter, bei den Ölgemälden von Berlins Ehrenbürgern, läuft ein Fernsehmann aufgeregt zwischen den Porträts von Ronald Reagan, Walter Scheel und Gustav Heinemann hin und her. Er hält mit der einen Hand das Handy ans Ohr, gestikuliert mit der anderen. Ob’s ein Problem gibt? Kabel vergessen, Leuchten zu schwach, Kamera kaputt? Nee, bloß versäumt, den Videorekorder zu programmieren. Heute Abend läuft doch „Gladiator“ im Fernsehen.

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