Berlin : Kampagne gegen Momper

Wie die türkische Hürriyet über die Völkermorddebatte in Berlin berichtet

Suzan Gülfirat

Die türkische Boulevardzeitung Hürriyet fährt seit einer Woche eine Kampagne gegen den Präsidenten des Abgeordnetenhauses, Walter Momper (SPD). Auslöser ist dessen Rede auf einer Gedenkveranstaltung zum Genozid an den Armeniern, die im Berliner Parlament stattgefunden hat. Momper verwendete das Wort „Völkermord“, und das bringt die Macher der Hürriyet auf die Palme. Am Sonnabend veröffentlichte die Zeitung zum zweiten Mal die Faxnummer von Mompers Büro. Dort gehen nun täglich etwa ein Dutzend Faxe ein. „Manche sind sachlich geschrieben. Andere sind einfach nur voll mit Schimpf und Tadel“, sagte Walter Momper am Sonntag dem Tagesspiegel.

Nach Meinung der Kommentatoren der Hürriyet handelte es sich bei dem Vorgehen gegen die Armenier vor 90 Jahren nicht um einen Völkermord, weil die Türkei die Ereignisse aus dem Jahr 1915 offiziell so nicht bewertet. Deshalb sehen sie im Momper nun das „Sprachrohr der (armenischen) Diaspora“. Am Dienstag druckte das Blatt ein Foto, das Momper mit dem armenischen Ministerpräsidenten Andranik Marganyan zeigt, und schrieb: „Das unglaubliche Spiel von Momper. Hinter der Gedenkveranstaltung steckt der armenische Ministerpräsident.“ Die Hürriyet erinnerte an das Treffen von Momper mit dem armenischen Staatsmann, das schon mehr als ein Jahr zurückliegt, und witterte Verrat: „Momper hat also alles geplant.“

Am Mittwoch titelte die Hürriyet: „Momper, wir glauben Dir kein einziges Wort mehr.“ An diesem Tag unterstellte der für die Europaausgabe verantwortliche Kolumnist Ali Gülen in seiner Rubrik sogar, dass Momper mit seiner Rede den Holocaust relativieren wolle. Über die türkischstämmigen Politiker, die bei der Gedenkveranstaltung im Abgeordnetenhaus dabei waren, schrieb Gülen: „Wir sollten uns über die türkischen Vertreter ärgern, die das Spiel der Armenier mitgemacht haben.“ Trotzdem hat die Hürriyet in der vergangenen Woche im Büro des Parlamentspräsidenten wegen eines Interviews angefragt. Mompers Reaktion: Er werde selbstverständlich mit der Zeitung reden.

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