Kampf gegen Raser in Berlin : Der Blitzermarathon war Show für einen Tag

Der Blitzermarathon der Polizei war sinnlos, Autofahrer behalten nur kurzzeitig ihr Tempo im Blick. Um Raserei nachhaltig zu verhindern, brauchen wir massenweise fest installierte Starenkästen.

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Ein Polizeibeamter blickt durch den Sucher eines Tempo-Messgeräts.
Raser im Visier. Beim 24-stündigen Blitzermarathon kontrollierte die Berliner Polizei in dieser Woche 80.000 Fahrzeuge. 3800...Foto: dpa

Es war mal wieder eine Veranstaltung ohne jede Logik. Der so genannte Blitzermarathon hat in dieser Woche die Einsatz-Kräfte hunderter Polizisten gebunden. Er hat – dafür hatte die Polizei mit ihrem unüberhör- und unübersehbaren Ankündigungsmarathon gesorgt – die meisten Autofahrer dazu gebracht, mit sturem Blick auf den Tachometer die Geschwindigkeitsbegrenzung zu beachten. Doch dieser Fixierungs- und Sedierungseffekt wird nicht lange halten, das werden die meisten zum Blitzen abkommandierten Polizisten aus Erfahrung wissen. Bald werden manche Berliner wieder rasen, andere nicht. Die Bußgeldeinnahmen der Polizei dürften am Tag der Dauerkontrolle à la Big Brother sogar geringer gewesen sein als an einem der sonst üblichen Bußgeld-Raids, die immer mal wieder stattfinden. Wer sich an diesem Tag ein Knöllchen wegen Raserei am Steuer eingefahren hat, der müsste eigentlich gleich den Schein abgeben, wegen geistiger Abwesenheit in Leben und Straßenverkehr.

Selbstverständlich sind Tempokontrollen wichtig, richtig, notwendig und sinnvoll. Jeden Tag beweisen unzählige Führer irgendwelcher Kraftfahrzeuge Rücksichtslosigkeit, Ahnungslosigkeit und Bereitschaft zur Körperverletzung. Doch muss man bezweifeln, dass einer davon sein womöglich für andere lebensgefährliches Fahrverhalten ändert, wenn er mit 80 Stundenkilometern spätabends über die Kantstraße gerast und dabei geblitzt worden ist. Die effektivste Erziehungsmethode bei Rasern dürfte in dem zur Geldstrafe zusätzlich verhängten Fahrverbot bestehen. Wer monatelang nicht fahren darf, oder fährt und dann noch wegen Fahrens ohne Führerschein belangt wird, der ändert womöglich sein Verhalten. Und das – ein allgemeinverträglicher Fahrstil – ist doch das Ziel aller polizeilichen Überwacherei.

Stünde an jeder Kita ein Blitzer, würden sich vermutlich alle an Tempo 30 halten

Dass die Blitzerabteilungen der Berliner (und Brandenburger) Polizeien alles salbungsvolle Gerede vom „Sensibilisieren“ der Zu-schnell-Fahrer durch den Blitzermarathon ad absurdum führen: geschenkt. Ein paar Tage später blitzen sie wieder bequem, serienweise und ertragreich auf dem 17. Juni oder an schnurgeraden Autobahnabschnitten mit einer Tempo-120-Zone. Bei diesen Gelegenheiten kommen die 35-Euro-Knöllchen massenweise zustande, Fahrverbote wegen rabiater Missachtung des Tempolimits aber höchstens im Einzelfall. Das hat mit Abzocke viel tun, mit Prävention wenig – und fast nichts mit Zwangsmaßnahmen gegen Leute, die nur unter Druck ihr Verkehrsverhalten zivilisieren.

Was also tun? Wie wäre es mit der Institutionalisierung der sicheren Strafe? Als noch Schupos an den Kreuzungen standen, ausgestattet mit Amtsautorität und Trillerpfeife, war dran, wer Regeln missachtete. Stünde an jeder Schule und an jeder Kita ein Starenkasten, würden sich die Leute vermutlich massenweise an Tempo 30 halten, denn jeder Verstoß würde automatisch etwas kosten. Stünden an den großen, breiten, zum Schnellfahren animierenden Straßen Blitzerkameras – wie zum Beispiel an der Frankfurter Allee stadteinwärts –, würden die Leute garantiert ihr Tempo im Blick behalten. Serienverstöße würden sonst schnell sehr wehtun.

Der Blitzermarathon war Show für einen Tag

Diese technische Aufrüstung wäre nur dann ein umfangreiches Investitionsprogramm, wenn die Stadt oder das Land alles selbst machen will. Kommunen im Saarland oder eine Großstadt wie Frankfurt am Main halten die Kosten minimal: Sie überlassen die Aufstellung der Blitzanlagen, die Wartung und die Lieferung der einschlägigen Beweisbilder einem Unternehmen. Das bekommt eine Blitzerpauschale, die Kommune kassiert das Bußgeld.

Nichts spräche gegen diese Art der Dauerkontrolle – außer ihrer Big-Brother-Haftigkeit, außer diesem „Jedes Fehlverhalten kostet etwas“, für das Städte wie Singapur bekannt sind. Aber entweder ist es den Verkehrspolitikern ernst mit dem Umerziehungsanspruch gegenüber Rasern – dann sind nur stationäre Blitzer effektiv. Oder der Blitzermarathon war Show für einen Tag, und ansonsten dient die gut getarnte Blitzerei der politisch steuerbaren Erhöhung städtischer Einnahmen. Anders wären gewisse Dauerbaustellen auch kaum zu bezahlen.

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