Berlin : Kampf im Szene-Bezirk

In Friedrichshain-Kreuzberg liefern sich SPD und Grüne ein spannendes Duell

Sabine Beikler

In Friedrichshain-Kreuzberg geht’s ums Prinzip: Rot oder Grün – dazwischen nichts. Da reicht kein einfacher Wahlkampfstand, hier im Ost-West-Kiez muss der Kandidat schon auf die Wähler zugehen und aggressiv für sich werben. „Ich häng’ hier überall rum. Aber ein paar zusätzliche Infos über mich können nicht schaden“, zeigt Stefan Zackenfels auf ein Wahlplakat und läuft einem jungen Paar mit Kinderwagen entgegen. Sekunden später ist ein SPD-Luftballon am Kinderwagen von Janik befestigt, und seine Mutter, die 26-jährige Studentin Anika Kliesche, hält ein Faltblatt mit Informationen über den Kandidaten in der Hand. Zackenfels kämpft hier in der Revaler Straße um jede Stimme. Vor fünf Jahren gewann der SPD-Politiker mit einem hauchdünnen Vorsprung von nur 263 Stimmen das Direktmandat im Wahlkreis 3 in Friedrichshain-Kreuzberg. Sein Gegner ist damals wie heute Özcan Mutlu, der Grünen-Abgeordnete. Beide respektieren sich, beide wohnen im Kiez, beide wollen am Sonntag auf jeden Fall gewinnen. „Das wird schwer mit Mutlu als Gegner“, sagt der eine. „Der Einzige, der mir das Leben hier schwer macht, ist der Zackenfels“, sagt der andere.

Der 41-jährige SPD-Politiker kennt wie Özcan Mutlu die Probleme im Wahlkreis: die Drogenszene am Kottbusser Tor, die Klagen der Klein- und Mittelständler in Kreuzberg, die hohe Arbeitslosenquote und die sinkende Lebensqualität hinter der Oberbaumbrücke, in Friedrichshain. „Am Boxhagener Platz liegt immer Hundekot herum, und es gibt immer wieder Übergriffe von Rechten“, beklagen sich Passanten bei Stefan Zackenfels. Er verspricht, mit den Bezirksoberen darüber zu sprechen. Neben seinem Wahlkampfstand hat er einen Tapeziertisch aufgebaut, auf dem Papptafeln mit alten Wahlkampfmotiven liegen. Er lädt Passanten ein, ein neues Plakat gegen Rechts drüber zu kleben. „Die werde ich morgen alle aufhängen“, verspricht er.

Ein paar Tage später verteilt Özcan Mutlu in grünem T-Shirt mit schwarzem Aufdruck „Mutlu heißt glücklich“ türkisch- und deutschsprachige Informationsbroschüren über sich und seine Politik am Kottbusser Tor neben dem Kaiser’s Supermarkt. Der 38-Jährige ist Bildungspolitiker, und mit diesem Wissen will er hier punkten. Ein älterer Mann kommt vorbei, begrüßt ihn auf Türkisch. „Ich wähle Mutlu gerne“, sagt er und beginnt zu erzählen. Er lebt seit 37 Jahren hier, ist 68, hat bei Daimler-Benz gearbeitet und ist seit neun Jahren eingebürgert. „Ich habe vier Söhne, alle haben eine Ausbildung, aber zwei sind arbeitslos“, sagt Ihsan Sarikaya achselzuckend. Er schaut Özcan Mutlu an und geht weiter. „Na egal, meine ganze Sippe wählt dich. Inschallah.“

Ein Patentrezept gegen die hohe Jugendarbeitslosigkeit hat auch der Kreuzberger CDU-Direktkandidat Kurt Wansner nicht. Auf seiner Kiez-Tour geht der 58-jährige gebürtige Kreuzberger in den Blumenladen Dilek in der Oranienstraße. „Ich bin von der CDU. Darf ich Ihnen eine Karte geben?“ Florist Birçan Er nimmt das Faltblatt. Ja doch, die Geschäfte gingen gut, sagt er auf Wansners Frage. Viele Händler in der Adalbertstraße wollen CDU wählen, sagen sie. Warum? „Weil sie besser ist, die SPD hat hier nichts gemacht. Hier sind zu viele Junkies und Dealer“, sagt ein Schmuckhändler. Vor fünf Jahren holte Wansners Vorgänger für die CDU hier 19,1 Prozent Erststimmenanteile – Zackenfels 31,3 Prozent. Doch Kurt Wansner kämpft. „Ich habe gute Chancen.“ Nur in den Osten, durch die Revaler Straße, gehe er nicht gerne. Dort habe die „alte Punkerszene“ etwas gegen ihn.

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